Kultur : Parteitag der FDP: Zeitgeister

Armin Lehmann

Ganz links im Saal, am Rande des Parteitages der FDP in Düsseldorf, steht Fritz Goergen. Mit dem Rücken angelehnt, die Arme verschränkt. Er wirkt sehr gelassen. Die Hektik in der Halle, die Redner, die Kontroversen, nichts scheint ihn zu berühren. Goergen denkt schon über Düsseldorf hinaus, er denkt an 2002. "Man muss nur vergessen, wie man üblicherweise in Deutschland Wahlkampf macht." So einfach ist das, glaubt er zu wissen.

Aufmerksamkeit vor Inhalt

Goergen ist nicht nur der Berater des liberalen NRW-Chefs Jürgen Möllemann, sondern hat für ihn den Landtagswahlkampf in Nordrhein-Westfalen gemanagt. Erfolgreich. Deshalb soll er die Partei auch im Bundeswahlkampf 2002 führen. Der 59-Jährige ist sozusagen die personifizierte Kampa der Liberalen. Die "Strategie 18" ist seine Idee.

Den üblichen Wahlkampf vergessen, das heißt für Goergen, nicht auf die anderen Parteien starren, sondern die Leute anschauen, die Wähler befragen, neue Instrumente benutzen, auf die Massenmedien setzen. Es ist das Konzept aus NRW, wo die Strategie noch "Projekt 18" hieß und am Ende 9,8 Prozent heraussprangen. "Erst Aufmerksamkeit, dann Inhalte", lautet Goergens Credo. Wenn der Parteitag auch dagegen ist, bleibe der Kanzlerkandidat innerhalb der Strategie doch wichtig. Denn der Kanzlerkandidat, sagt Goergen, "ist nur ein Kommunikationsbild", "ein wichtiges Wort", hinter dem sich die Wähler etwas vorstellen und mit dem sie Inhalte verbinden könnten.

Und die Partei, die Basis, wird sie überall im Land mitziehen? "Mobilisierung?", fragt er zurück, nein, über die Mobilisierung müsse man sich gar keine Sorgen machen, das geschehe von ganz allein. Nicht die Basis soll die Strategie verkaufen und die Inhalte transportieren, "das erledigen die Massenmedien für uns". Die Mobilisierung funktioniere über die Bilder, die die Medien verbreiten, über diesen einfachen Trick. Und über Unterhaltung, Überraschung, Provokation. Dass allerdings Experten der Forschungsgruppe Wahlen diese Taktik für "unrealistisch" halten, irritiert ihn nicht.

Goergen aber versteht sich auf Provokation und auf Taktik. Er war noch unter dem Namen Fliszar von 1979 bis 1983 Bundesgeschäftsführer der Partei und später der Naumann-Stiftung. Der Spiegel nannte ihn einen "munteren Querdenker". Genscher hatte ihn 1968 in die Partei geholt, er war Assistent von Walter Scheel und Büroleiter von Karl Moersch. 1994, als die Partei mal wieder in der Krise steckte, hat er einen "Liberalismus pur" vertreten und ein radikales Thesenpapier in die Diskussion geworfen. Seine Vision war der "Staatsbürger", nicht der "Staatskunde". Er trat ein für eine "offene Gesellschaft der Bürgernation".

Ist erst heute die Zeit wieder reif für diese alten Ideen? Die FDP glaubt das. Auf dem Parteitag in Nürnberg vor einem Jahr hatte Guido Westerwelle den Delegierten zugerufen, der "Zeitgeist ist auf unserer Seite". Und kürzlich fand auch Hans-Dietrich Genscher, dass die "Liberalen in ihrer Zeit leben". Mit liberalen Themen. Mobilität, Bildung, soziale Marktwirtschaft. Das, sagt Goergen, beschäftigt die Menschen heute. Der Stratege ist sich da relativ sicher, denn in NRW hat die FDP dafür Meinungsforschungsinstitute beauftragt.

Die Kampagne für 2002 wird virtuell sein, sie wird sich hauptsächlich im Internet abspielen. Auch das gehört zum Zeitgeist. Und dann sind da noch die Jungen innerhalb der Partei. Sie sollen Teil der Kampagne werden. Nicht nur virtuell, man will die jungen, selbstbewussten Gesichter schon vorzeigen. Zum Beispiel Silvana Koch-Mehrin, die auch lange Zeit als Generalsekretärin gehandelt wurde, Mehmet Daimagüler, der auch im Bundesvorstand sitzt, oder den Bildungspolitiker Christian Linder aus dem NRW-Landtag. Und Fritz Goergen will die FDP im Wahlkampf führen. Er muss das nicht zugeben, sein Gesichtsausdruck beweist es.

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