Kultur : Parteitag der Grünen: Geschichte mit Eigensinn

Stephan-Andreas Casdorff

Sie ist doch keine Pazifistin. Auch als Ideologin ist sie nicht bekannt geworden. Und doch lehnt Antje Vollmer den Einsatz von Militär im Kampf gegen Terror ab. Zuerst war sie von Kanzler und Vizekanzler ermutigt worden, Stimme der klugen Skeptiker zu sein. Vollmer als die prüfende, aber wohlmeinende Instanz. Doch ging sie über die Skepsis hinaus; inzwischen ist sie Stimme der Gegner. Das kann wegen ihrer Bedeutung als intellektuelle Eminenz der Grünen gerade einen der anderen großen Grünen in die Defensive zwingen: Joschka Fischer.

Der Außenminister verknüpft sein politisches Schicksal mit dem Ausgang der Abstimmung in Rostock. Das ist ein ungleich höherer Einsatz als der von Vollmer. Und diesen Einsatz hat mit ihrer Haltung nicht zuletzt sie provoziert. Denn für Fischer ist sie eine auf seiner, auf "gleicher Augenhöhe". Sie aber, die zart nur wirkt, beeindruckt das nicht. Im Gegenteil, es scheint, als fühle nun sie sich herausgefordert. Und vielleicht zeigt sich hier ihre Form der Ideologie: Dass sie sich immer wieder befreit von Gruppendruck, um im eigenen Sinne handeln, reden und entscheiden zu können.

Das war in der Vergangenheit fraglos ein Teil des Charmes, den Antje Vollmer über die Parteigrenzen hinweg ausstrahlt. Sie hat sich von den Grünen lieber unsolidarisch und illoyal nennen lassen, als von dem einmal als richtig Erkannten abzurücken. Damit hat sich Vollmer auch gesellschaftlich große Verdienste erworben: in den achtziger Jahren mit ihrer Initiative zum Dialog mit dem Terroristen der RAF, in den Neunzigern mit dem Dialog zur deutsch-tschechischen Aussöhnung und zur Annäherung Chinas an den Dalai Lama in Tibet.

Ihr Wirken war leiser als das anderer und wurde immer erst mit Verzögerung anerkannt, aber dann nachhaltig. So erwies ihr zum Beispiel Wolfgang Schäuble seinen Respekt, der nun in der CDU als intellektuelle Eminenz gilt. Ohne Schäubles Unterstützung wäre sie 1994 auch nicht das erste Mal zur Vizepräsidentin des Bundestages gewählt worden, in ein Amt, das von der Kraft des Wortes abhängt. Und das, wenn das Wort wohl verstanden gebraucht wird, eine Aura der Nachdenklichkeit kultiviert. Vollmer ist, dies nur als ein Beleg, mit dem Cicero-Rednerpreis ausgezeichnet worden.

Zum Dialog befähigt ist sie also. Doch sei Antje Vollmer zuweilen eben auch mono-logisch, ihrer eigenen Logik bis zum Irrtum verhaftet, sagen ihre Kritiker. Die hat sie. In der Partei konnte sie sich nie durchsetzen, anders als in der Fraktion, wo sie als Chefin funktionelle Macht ausübte. Ihre Gedanken aber haben sich bei den Grünen entfaltet, wenn auch manchmal später: Vollmer war 1990 die erste, die Deutschlands neue Rolle in der Welt zum Thema machte. Damals war sie Avantgarde. In Rostock wollte sie unbedingt reden. Das erste Mal auf einem Parteitag seit elf Jahren.

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