Kultur : Partikelgestöber

Elfi Kreis

Auf einer persönlichen Hitliste der meistgehassten Tücken des Alltags stehen ganz oben: Rolltreppen, die nicht rollen; Briefmarken, die nicht kleben und - falsch zusammengefaltete Stadtpläne. Wobei den letztgenannten unter rein ästhetischen Gesichtspunkten der bei weitem größte Reiz abzugewinnen ist. Hanns Schimansky führt das in der Galerie Thomas Schulte anschaulich vor. Architektonische, organisch-geometrische Versatzstücke seiner Tuschezeichnungen sorgen auf gefalteten Packpapieren für Überraschungsmomente. Mit dieser spielerischen Arbeitsweise des systematisch gesteuerten Zufalls erkundet er das plastische Potenzial der Zeichnung. Jüngste "Packfaltungen" von 2002 (1500 bis 4500 Euro) überraschen mit einer für Schimansky außergewöhnlichen Farbigkeit. Monochrome Partien in himmelblau, grün oder orange lässt der Berliner mit Lehrstuhl an der Hochschule Weißensee hier im Kontrast zum gelblichen Braunton des Packpapiers aufblitzen.

Paco Knöller, einst Beuys-Schüler in Düsseldorf, ist der zweite Berliner im Trio der drei Zeichner. Im Hamburger Bahnhof werden zurzeit seine neuen, großformatigen Holzschnitte gezeigt. Dabei ist Knöller an sich Maler. Als habe man insgeheim vereinbart, ein wenig "verkehrte Welt" zu spielen, bekennt er diesmal kaum Farbe. Nur auf zwei Blättern lässt Knöller Signalrot mystisch unter schwarzer Ölkreide aufleuchten (1800 Euro). Die Auswahl zeigt Bleistiftzeichnungen von 1999 / 2000, zuweilen mit Einsprengseln von blauem Kugelschreiber. Wie nebenbei zu Papier gebrachte Telefonkritzeleien wirken seine skizzenhaften Psychogramme. Es sind musikalisch eher atonale Mikrokosmologien, die zeichnerischen Rhythmen voll linearer Gegenläufigkeit folgen: Partikelgestöber, verdichteter Extrakt aus Linienkürzeln. Knöller balancierte lange auf jener schmalen Grenzlinie, die Zeichnen von Bezeichnen trennt. Die Zeichen wurden immer filigraner und sind nun abstrakte Strichlandschaften. Archetypische Figurenelemente, Kopf oder Schale, Hand oder schwebende Figur tauchen nur bei Lithografien von 1989 auf. Bezeichnenderweise heißt die Serie "Der Nachhall" (4800 Euro).

Norbert Prangenberg lebt in München und hat dort seit 1993 an der Kunstakademie eine Professur. Als Bildhauer ist er bekannt für seine gefäßähnlichen Keramikskulpturen. Letztes Jahr waren seine Linol- und Holzschnitte auf Ausstellungstournee. Das frühste Blatt bei Schulte, Pastell und Wasserfarbe, stammt von 1981 und markiert mit 2400 Euro die obere Preisgrenze. Ein lichter, tunnelartiger Gang mit seinem orange Schimmer am Ende bohrt sich durch das Dunkel der Schwarz- und Grautöne. Nur wer unmittelbar davorsteht, vermag Schwarz auf Schwarz die Andeutung von zwei Schattenschemen wahrzunehmen. Alles bleibt Ahnung und entzieht sich schnellfertiger Gewissheit. Die meisten Zeichnungen mit Bleistift und Wasserfarbe stammen aus den Neunzigern und dem Jahr 2000 (1400 bis 1800 Euro). Aquarelllinien, die in einem delikaten Farbspektrum schillern, schlängeln sich elegant übers Papier. Wie in seiner Keramik mit ihren farbigen Glasuren, prägt die Farbe elementare Formen, Flächen und Linien. Mit ihnen erprobt Prangenberg ein Beziehungsgeflecht von Gegensatzpaaren: massiv / transparent, offen / geschlossen, Positiv / Negativ. Den drei Zeichnern gemeinsam ist ein assoziatives Denken im Grenzbereich von Imagination und Wirklichkeit. Jeder betont das Prozesshafte seines intuitiven Arbeitens, praktiziert beim Zeichnen die Verfestigung komplexer Bildgedanken in entschieden einfacher Form.

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