Kultur : Partisanin des Abendlandes

Stammtisch und Dschihad: Oriana Fallacis Hasstirade gegen Muslime und verweichlichte Intellektuelle

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Von Clemens Wergin

Schon der Titel ist nicht politisch korrekt. „Die Wut und der Stolz“ hat Oriana Fallaci ihre wenige Wochen nach dem 11. September geschriebene Abrechnung mit Abend- und Morgenland genannt. „Pride und Prejudice“ von Jane Austen blitzt darin auf. Und dass Fallacis Text von Vorurteilen frei sei, kann man wirklich nicht behaupten. In New York, dem Ort ihres selbst gewählten Exils, hat die Grande Dame des italienischen Journalismus unter dem Eindruck der aus dem Fenster springenden Menschen und der einstürzenden Türme ein Pamphlet verfasst, für das man den Begriff Hasstirade hätte erfinden müssen, wenn es ihn nicht schon gäbe.

„Es gibt Augenblicke im Leben, in denen Schweigen zur Schuld und Sprechen zur Notwendigkeit wird“, schreibt Fallaci in ihrer Abrechnung mit dem intellektuellen Juste Milieu Europas, die zugleich eine Verdammung der muslimischen Zivilisation darstellt. Die Veröffentlichung des Textes wenige Wochen nach dem Terroranschlag – auf vier Zeitungsseiten im Mailänder „Corriere della Sera“ – hatte für Aufruhr gesorgt. Jetzt kann man in deutscher Übersetzung die etwa doppelt so lange Originalfassung nachlesen. Selbst nach knapp einem Jahr überfällt einen Fallacis Text mit einer alttestamentarischen Wut, wie sie die wohltemperierten Feuilletons des Westens lange nicht gekannt haben.

Es ist der Aufschrei einer Kassandra des Abendlandes, die sich nicht abfinden mag mit den Blindstellen im Dialog mit der islamischen Welt, jenem Diskurs, der es sich vor lauter Toleranz für die fremde Kultur abgewöhnt hat, nach den dunklen Aspekten dieser Zivilisation zu fragen. Der sich lieber selbst beschuldigt für das historische Unrecht, das Kreuzzug und Kolonialismus dem Orient zugefügt haben, und darüber zu fragen vergisst, was denn der Islam heute seinen Frauen, seinen Oppositionellen, seinen Agnostikern antut – und seinen christlichen Minderheiten. Genauer hinzuschauen, das fordert Fallaci, denn „hinter jedem Terroristen steht notwendigerweise ein Imam“.

Idioten, Verräter, Kollaborateure: Das sind die Invektiven, mit denen Fallaci jene überzieht, die dem Islam zu viel unhinterfragtes Verständnis entgegenbringen. Europa sei mit den diktatorischen islamischen Regimen ins Hurenbett gestiegen und habe vergessen, dass die Werte der Aufklärung verteidigt werden müssen gegen das, was Fallaci als imperialistischen Charakter der muslimischen Religion bezeichnet.

„Die Wut und der Stolz“ erscheint in einer Zeit intellektueller Ratlosigkeit. Wer nach dem Fall der Mauer auf eine Friedensdividende gehofft hatte und die stetige Verbreitung der Demokratie in der Welt, wurde durch die Anschläge von Washington und New York auf den harten Boden des real existierenden Fanatismus zurückgeholt – von religiösen Extremisten, die sich nicht als Rest einer aussterbenden Spezies empfinden, sondern als muslimische Avantgarde mit dem Ziel, die Grundfesten der demokratischen Welt zu erschüttern. Plötzlich taucht die Frage auf, was unsere Kultur den ewigen Gewissheiten der Gotteskrieger an ebenso unumstößlichen Gewissheiten entgegenzusetzen hat. Anders gefragt: Gibt es Überzeugungen, für die wir unser Leben zu geben ebenso bereit wären, wie jene Überzeugungstäter des 11. September? Etwas, das unserer Lebensweise geistigen Halt gibt, über die bloße wirtschaftliche und technologische Überlegenheit der westlichen Zivilisation hinaus?

Selbst atheistische Intellektuelle entdeckten nun erneut das Christentum als stets bereitstehendes Wertereservoir. Die „unverbesserliche, stolze Atheistin“ (Fallaci über Fallaci) geht einen anderen Weg. In ihrer fulminanten und schmerzhaft verallgemeinernden Suade verteidigt sie zornig republikanische, freiheitliche Werte auf dem Boden der abendländischen Zivilisation. Jene Ideale, für die sie als 14-jährige Partisanin gegen die deutschen Besatzer ihrer Heimat kämpfte. Sie konstruiert ein monolithisches, böses Gegenüber: die islamische Zivilisation, die sich „seit 1400 Jahren nicht bewegt“ habe.

Man muss nicht gelesen haben, was der palästinensische Literaturwissenschaftler Edward Said in seinem Buch „Orientalismus“ über die Funktion des „Orientalen“ für das abendländische Denken geschrieben hat, um in dieser Verteufelung des Islam eine alte Tradition zu entdecken. Aber es wäre zu einfach, den von Fallaci geschilderten fanatischen Islam als Einbildung abzutun. Er hat sein Antlitz ja nicht nur im Afghanistan der Taliban offenbart. Man muss nur nach Pakistan, Saudi-Arabien, in die Palästinenser–Lager im Libanon, die Elendsviertel von Kairo oder in bestimmte Moscheen sowohl in der muslimischen Welt als auch in Europa schauen, um jenen mittelalterlichen, intoleranten, frauenverachtenden, hasserfüllten und von Welteroberungsfantasien verblendeten Islam zu entdecken, von dem Fallaci spricht. Daran ändern all die interkulturellen Konferenzen wenig, auf denen sich westliche Intellektuelle mit ebenfalls westlich erzogenen Intellektuellen der muslimischen Welt zum Dialog treffen. Letztere müssen bei ihrer Rückkehr dann regelmäßig aufpassen, dass sie zu Hause im Iran oder auch in Ägypten keinen Ärger mit religiösen Fanatikern bekommen.

Fallaci ist überzeugt, dass die Extremisten einen „umgekehrten Kreuzzug“ planen. „Ein Krieg, der vielleicht nicht auf die Eroberung unseres Territoriums abzielt, der es aber ganz bestimmt auf die Eroberung unserer Seelen abgesehen hat.“ Ihre Schlussfolgerung: „Welchen Sinn hat es, Leute zu respektieren, die uns nicht respektieren?“ Die in Europa lebenden Muslime sind für Fallaci eine Art fünfte Kolonne, die wir beherbergen, „ohne ihr Anderssein zu hinterfragen, ohne ihre Absichten zu überprüfen, ohne ihren Fanatismus zu bestrafen“. Die Muslime missbrauchten den europäischen Rechtsstaat, seine „liberalen Prinzipien, die sie schamlos ausnutzen und die sie gleichzeitig selbst nicht achten“. Dass dieses Dilemma des liberalen Staates tatsächlich existiert, hat etwa der Prozess gegen den Kalifen von Köln gezeigt.

Doch Fallaci belässt es nicht bei theoretischen Ausführungen, hebt an zum demagogischsten Teil – einer geschmacklosen, hetzerischen Tirade gegen Muslime in Italien, die sich keinen Deut um die Kultur ihres Gastlandes scherten und sich gar erdreisteten, gegen das Baptisterium ihrer Heimatstadt Florenz zu pinkeln. Eine anonyme Masse finsterer Gesichter mit bösen Absichten.

Es ist die Tragik der Oriana Fallaci, dass sie sich nun nach vielen Jahren der Zurückgezogenheit wieder in eine politische Debatte einschaltet und so einen politisch-literarischen Triebüberschuss abzuarbeiten hat, der durch nichts zu bremsen ist. Ihre Erlebnisse aus dem antifaschistischen Widerstand gegen die Nazis, dazu ihre Erinnerungen an Interviews mit Arafat oder Chomeini und an islamische Hinrichtungen in Iran oder Afghanistan gerinnen zu einem islamophoben Weltbild. In einer fast zwanghaften Parallelführung gleicht sie ihr Argumentationsniveau dem der kritisierten Islamisten an. So zitiert sie im Vorwort Osama bin Laden: „Diejenigen, die sich auf die Rechtmäßigkeit der internationalen Institutionen beziehen, verzichten auf die einzige und authentische Rechtmäßigkeit, die Rechtmäßigkeit, die vom Koran kommt.“ Zwei Seiten weiter schreibt Fallaci mit demselben Gestus: „Das Schlimmste steht uns noch bevor: die Wahrheit. Und die Wahrheit liegt nicht notwendig in der Mitte. Manchmal ist sie ganz auf einer Seite." Der ihrigen.

Man könnte das Büchlein der Fallaci als feuilletonistischen Betriebsunfall abtun. Ihre Abscheu gegen ein gewisses linksintellektuelles Diskursmilieu ist fast noch größer als die gegen Muslime. Heuchelei und Denkfaulheit sind noch die geringsten Vorwürfe. Doch wenn dann – etwa in dem in der „Frankfurter Rundschau“ veröffentlichten Brief deutscher Intellektueller –wieder die alten antiamerikanischen Reflexe einrasten, dann mag man ihr ein wenig Recht geben. Gegen diese reflexhaften Anti-Amerikaner verteidigt Fallaci die amerikanischen Revolution, die anders als die französische ohne Massaker und Guillotine ausgekommen sei.

Fallacis Problem ist jedoch, dass sie gegen den Islam mit der Guillotine argumentiert – und nicht mit den hehren Worten der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung. Denn wenn es eines Beweises bedurft hätte, dass unsere über Jahrhunderte mühsam erworbene Liberalität der muslimischen Theokratie überlegen ist, dann wohl der: dass der liberale Staat auch denen gegenüber liberal ist, die nicht an ihn glauben. Wehrlos muss er deshalb noch lange nicht sein.

Oriana Fallaci: Die Wut und der Stolz. List Verlag, München 2002. 195 Seiten, 18 Euro.

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