Kultur : Party im Angesicht der Urnen

CHRISTOPH FUNKE

Zähes Ringen gegen eine auch nach mehr als fünf Jahrzehnten noch immer unbegreifliche Vernichtung: Das Dresdner Residenzschloß, eine vierflügelige Renaissanceanlage, wurde im Februar 1945 in einer Nacht fast vollständig zerstört.Der Wiederaufbau, zu DDR-Zeiten begonnen, jetzt entschlossen und beschleunigt fortgeführt, ist mühsam.Stück für Stück der mächtigen Anlage wird den Trümmern entrissen, der Hausmannsturm grüßt seit 1991 wieder über dem Ensemble gegenüber von Hofkirche, Oper, Zwinger und Schinkelwache.Wenn morgen das Staatsschauspiel Dresden in die Schloßkapelle einzieht, ist wieder ein Teil des alten Gebäudes zurückgewonnen.

Von 1551 bis 1553 ist die Kapelle im großen Schloßhof, vermutlich von Melchior Trost, errichtet worden.Auch von ihr stand nach dem Bomben-Inferno nur noch eine Mauer.Die Sandsteinquader der tiefliegenden Gewölbe verfärbten sich durch die Hitze des Brandes ins Rötliche und schmolzen an den Rändern ein - sie hielten dennoch stand und wurden neu verfugt.Was die Altvorderen leisteten, kann in der "neuen" Schloßkapelle gesehen und befühlt werden, denn der Raum ist im Rohbau belassen, offenbart seine klaren architektonischen Formen.Die prächtige innere Ausstattung der Kapelle ist weitgehend verloren gegangen.Das Sandsteinportal in der Art römischer Triumphbögen allerdings, jetzt neben dem Johanneum zu sehen, soll an seinen angestammten Ort zurückkehren - zur Zeit schmückt die Fassade mit dem Eingang zur Kapelle eine Fotomontage in den Originalmaßen.

Für das Theater ist die Wiedergewinnung der im Stil der italienischen Hochrenaissance erbauten Kapelle im schmucklosen Zustand schon eine fertige Inszenierung.Die klare Kubatur des 11 Meter hohen, langgestreckten Raumes mit den eingezogenen Galerien und Seitenschiffen fordert das Spiel geradezu heraus.Geschlossenheit und Weite sind gleichzeitig gegeben, die Kapelle ermöglicht mit ihren weißen Mauern Kargheit und, wenn nötig, auch Fülle im Bühnenbau, regt die Phantasie an, konzentriert auf den Schauspieler.

Bis weit ins erste Jahrzehnt des nächsten Jahrtausends wird der Wiederaufbau des Schlosses noch dauern, die innere Gestaltung bleibt wohl eine Aufgabe kommender Generationen.Auch über das weitere Schicksal der Schloßkapelle ist noch nicht entschieden.Für die nächsten vier Jahre allerdings hat sich das Staatsschauspiel Dresden den Raum erobert, als Ersatz für das auf längere Zeit geschlossene Kleine Haus.In acht Monaten und für etwa 4,4 Millionen Mark gelang die Ausstattung der Kapelle mit allem, was heute an technischer Ausstattung (Beleuchtung, Akustik, Belüftung, Heizung, Sicherheit) gebraucht wird.Foyers wurden gewonnen, eine steinerne Wendeltreppe führt zum "Saal" hinauf.Und morgen gibt es die erste Premiere: "Der Würgeengel" von Karst Woudstra in der Inszenierung von Klaus Weise.

Der Text ist inspiriert von dem Film "El Angel exterminador" von Luis Buñuel aus dem Jahre 1962.Aber das Geschehen vollzieht sich nicht mehr im mondänen Stadthaus der "Casa de la Providencia", sondern in einem Landhaus reicher Amsterdamer Patrizier in den Kennemer Dünen.Schon dieser Ortswechsel schreibt die Geschichte neu.Das Aussetzen, das Stehenbleiben der Zeit, Grundmotiv des spanischen Films, verliert seine mystisch-katholische Tiefe.Aus der gespenstischen und auch wieder beruhigenden Nähe von Tod und Leben, aus dem Einbruch der Kreatur in die Verschlossenheit einer tief gefährdeten Zivilisation wird bei Woudstra eine großbürgerliche Party im protestantischen Zuschnitt.Das Geschwätz der Politiker, Beamten, gescheiterten Künstler, unbefriedigten und gelangweilten Frauen hebt sich kaum aus dem Durchschnitt heraus.Wieder sind es sexuelle Obsessionen, die den Niedergang, die Fäulnis einer Besitz-Gesellschaft bis zum Widerwärtigen deutlich machen sollen.Triebbefriedigung, mühsam, verquält, liefert Sinnersatz, der Dichter stirbt, der Junge und das Mädchen erhängen sich als Versuch einer wirklichen Liebe im Schrank.Die anderen finden, irgendwie, den Weg wieder hinaus, wenn auch nur auf den Friedhof."Schön, daß es aufgehört hat zu regnen", sagt Maria, die Schwester der Gastgeberin, angesichts der Urnen.Das ist der letzte Satz, alle anderen schweigen.

Eine lohnende Aufgabe für Theater bietet das Woudstra-Stück durchaus.Martin Kukulies hat ein Podest in den langen, schmalen Raum gebaut, mit vielen kleinen Abseitigkeiten unter und hinter den Galerien.Durch die stählerne Eingangstür, in einem gleißenden Lichtstrahl, erfolgt der Einmarsch der Gäste.Die teppichbelegte Bühne, bestimmt von einem mächtigen Triptychon an der Stirnseite, wie flüchtig bemalt in der Art eines gastronomischen Stillebens, ist in ihrem Zentrum frei.Tiefrote Polstermöbel, der Flügel und Grünzeug in Kübeln drängen sich an die Seiten.Ob es dem Regisseur gelingen wird, mit den sechzehn Darstellern die unheimliche Normalität des im Zeitstillstand verharrenden Festes in einer zwingenden rhythmischen Struktur herzustellen, wird die Premiere zeigen.Hartnäckig behauptet wird jedenfalls die Absicht, gerade mit einer Geschichte, die auf böse Art in einem weiten, pomphaften Gefängnis der Begierden, der Lüste, der Ängste und des Todes stattfindet, den besonderen Raum der Schloßkapelle zu erobern.Das Ensemble arbeitet mit hohem Einsatz.

Premiere morgen, 9.Januar, 20 Uhr.Weitere Vorstellungen am 10., 19., 21.und 27.Januar, jeweils 20 Uhr.

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