Partygrößen : Fantastico!

Rolf Eden und Chantal Lehner haben Berlins Nachtleben bereichert – jeder auf seine eigene, unnachahmliche Weise. Zwei Filme spüren ihren Biografien nach.

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Rolf Eden feierte einst mit seinen Ku'damm-Diskotheken große Erfolge.
Rolf Eden feierte einst mit seinen Ku'damm-Diskotheken große Erfolge.Foto: Mike Wolff

Zur Nacht gehört die Show. Der Rausch. Und der Sex natürlich. Gut, zumindest das Versprechen darauf. Wenn sich das alles verbinden lässt, umso besser. Im Panorama laufen jetzt zwei Dokumentationen über solche Inszenierungs-Künstler des Nachtlebens, die Berlin unnachahmlich bereichert haben – wenngleich an recht entgegengesetzten Enden des Party-Spektrums. Hier die Misswahl mit Schampus, dort der queere Exzess. Hier die Playboy-Bunnys, dort die feiernden Transsexuellen. Rolf Eden stieg schon in den 60ern zum König der Ku’dammdisko auf, seine Läden waren berühmt und, na klar, bumsvoll. Chantal Lehner veranstaltet seit zehn Jahren die Party „House of Shame“, mittlerweile im Bassy-Club an der Schönhauser Allee, sie ist eine Institution in der Queer Community. Die beiden haben nicht viel gemeinsam, außer den langen blonden Haaren vielleicht. Und dem Talent zur Selbstdarstellung.

„House of Shame – Chantal All Night Long“ der Regisseurin und Fotografin Johanna Jackie Baier zeigt die Protagonistin zumeist in ihrem natürlichen Umfeld, der Donnerstagnacht im Club, wo sie in festlicher Garderobe die Live-Acts ansagt, die sie sich einlädt, ihre Gäste herzt und auch mal betrunken von der Bühne fällt. Dazwischen äußern sich Freunde und Weggefährten wie der Maler Salomé oder die Dragqueen Gloria Viagra mehr oder weniger enthusiastisch über sie, auch Chantal selbst spricht. Erzählt von ihrem Umzug nach Berlin, von besetzten Häusern, von 17 Jahren auf dem Transenstrich an der Frobenstraße, von denen sieben verzichtbar waren. Es ist ein Film, der die Ikone Chantal voraussetzt und sich ihr in Ellipsen nähert.

„The Big Eden“ von Regisseur Peter Dörfler folgt einem mittlerweile 81-jährigen Immobilien-Millionär durch den Tag, der eine sehr junge Freundin namens Brigitte (französisch ausgesprochen, bitte), sieben Kinder von sieben Frauen und immer gute Laune hat. Das Lieblingswort: Fantastico! Wie ein Candide des Diskobetriebs blickt dieser Eden auf die beste aller möglichen Welten. Und sieht nur Brüste, Geld und Erfolg. Eine der ersten Szenen zeigt ihn vor dem Spiegel, „Ich gefall mir“, sagt er. Eden besitzt ein umfangreiches Super-8-Archiv, in dem nahezu jeder Moment seines Erwachsenenlebens auf Film festgehalten ist, er selbst immer groß im Bild. Wer hinter so viel unerschütterlicher Selbstliebe eine Verdrängungsstrategie vermutet, liegt durchaus mit Regisseur Dörfler auf einer Linie. Was aber, glücklicherweise, nicht bedeutet, dass der Versuch unternommen würde, die zu unterwandern.

Klar, man erwartet von Dokumentationen wie diesen, dass sie einem die Biografie aufblättern und die ganze Wahrheit über den Menschen gleich mit. Aber da muss man sich hüten, dem eigenen Authentizitäts-Phantasma auf den Leim zu gehen.

Chantal erscheint zum Interview, geschminkt, frisiert, es ist schließlich Donnerstag, aber sie legt das Kostüm ab im Gespräch. Sie zählt nicht zu den Menschen, die bloß noch als Rampenlichtfigur existieren können, als glamouröse Gastgeberin der „House of Shame“- Nacht, deren Titel einem Gedicht von Oscar Wilde entliehen ist. Da bezeichnet es einen Knabenpuff, „den betreibe ich nicht“, lacht Chantal. Hat sie das Gefühl, in eine Rolle zu schlüpfen, wenn ihre Party beginnt? „Ich bin nicht viel anders, als ich es privat wäre. Ich weiß natürlich, welcher Weg vor mir liegt, wie lange ich auf hohen Schuhen herumlaufen muss.“ Auch ein Grund, weshalb das „House of Shame“ nur einmal in der Woche stattfindet, bis dienstags schmerzen die Füße, man wird nicht jünger, sie ist auch schon in den vorgerückten Vierzigern. Gab es Grenzen für die Filmemacherin Jackie Baier, die sie immerhin drei Jahre lang mit der Kamera begleitet hat? „Der Transenstrich sollte nicht unbedingt zum Hauptthema werden“, sagt Chantal. Und wenn zu intime Fragen nach ihrer Kindheit oder dem Verhältnis zu den Eltern gekommen wären, dann hätte sie natürlich gerufen: „Security, die Dame möchte jetzt gehen.“ Aber um Psycho-Striptease im Fernsehformat ging es der Regisseurin nie.

Seltsam, Rolf Eden wirkt irgendwie nackt in seinem Büro an der Wilmersdorfer Straße. Ach, richtig, keine Frau an seiner Seite. Dafür jede Menge auf den Fotos, mit denen der Raum tapeziert ist. Ein Edenkabinett. „Sehen Sie“, zeigt er, „da tanze ich mit Ella Fitzgerald, die hat sonst nie getanzt“. So geht es los, so geht es weiter. Durchaus sympathisch, keine Frage. Man glaubt ihm schon, wenn er sagt, „dass der Dörfler für seinen Film keinen gefunden hat, der schlecht über mich redet.“ Eden breitet, wie im Film, sein Leben als flutschende Erfolgsgeschichte aus. Die Läden, vom „Old Eden“ bis zum „Big Eden“, alles Smashhits. Mit dem Buch „Europe in Five Dollars a Day“ bewaffnet standen sie damals Schlange, weil darin zu lesen war „Rolf Eden, Playboy Nr.1, Germany, has the most original club in the world“. Gefeiert im Schnäppchenführer. Seine Augen leuchten. Was ist mit den Kindern, die sich im Film über ihn äußern, staunenswert reflektiert? Schon der jüngste, 14-jährige Sohn sinniert da über die Schwierigkeiten des Vaters, aus seiner Rolle als ewiger Womanizer herauszufinden. „Ja, der liebt mich abgöttisch.“ Und die Familiengeschichte? Über die wusste man bislang wenig. Dass seine jüdischen Eltern mit ihm 1933 nach Palästina emigriert sind, dass Eden später im israelischen Unabhängigkeitskrieg gekämpft hat. Noch heute besitzt der Bruder das Eden Hotel in Haifa. Nun gut, nicht leicht für die Eltern, aber für ihn eine schöne Zeit. Fantastico.

Es sind zwei sehr verschiedene, auf ihre Art sehenswerte Filme. „House of Shame“ feiert, mit viel Musik, eine queere Underground-Bastion, deren Konzept von Beginn an war, „dass es keins gibt“, sagt Chantal. Es ist ein Porträt, das man sich selbst zusammenpuzzeln muss, aus lauten House-Beats, greller Pose und Reflexion en passant. Und „The Big Eden“, mit dem Peter Dörfler nach „Achterbahn“, dem Film über den Rummelplatz-Bankrotteur Norbert Witte, seine Porträtreihe egomaner Männer fortschreibt, fasziniert als großer Schwenk durch die Galerie eines Sonnenkönigs, der in den Erzählungen der anderen greifbarer wird als bei den eigenen Auftritten.

Letzte Fragen an den Playboy Nr.1, Germany. Herr Eden, worauf kommt es an im Leben? „Kein Sport! Und: viel Liebe. Sooft wie möglich ein Mädel im Bett, und wenn’s mit der nicht läuft, gleich eine Neue. Kein Viagra oder so’n Quatsch.“ Was wollen Frauen? „Das ist ja das Schöne, die müssen noch nicht mal befriedigt werden, die wollen mit einem Playboy zusammen sein, und, logisch, auch Geschenke kriegen. Aber ich bezahle die Frau nicht, würde ich nie machen, ich bin ja Eroberer, Jäger ...“ An dieser Stelle muss er selber lachen. Herr Eden, spielen Sie eine Rolle? Großes Erstaunen. „Ja, natürlich!“

Die Filme zeigen: Hier

die Misswahl mit Schampus,

dort der queere Exzess

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