Kultur : Partyschreck

PANORAMA „Nachbeben“, ein Schweizer Kammerspiel von Stina Werenfels

Julian Hanich

Samstagnachmittag in einer Villa am Zürichsee. Die Familie Ammann hat zur Grillfeier geladen. Das Beisammensein ist illuster. Der Herr des Hauses trägt seinen Namen nicht ohne Grund: Ammann – what a man! Die Frau ist eine gewesene Schönheit mit Sex-Appeal. Der Sohn: verschlossen und dümmlich. Aber so sind sie, die pubertierenden Jungs. Dafür ist das schwedische Aupairmädchen von gleißendem Liebreiz. Und die Gäste können sich ebenfalls sehen lassen. Nun gut, der weibliche Besuch ist ein bisschen rundlich, um nicht zu sagen: fett. Aber ihr Mann hat Ausstrahlung – und vor allem Geld. Und der Praktikant, den sie ungefragt mitgebracht haben, stellt sich als gebräunter Charmeur mit der Extraportion Ehrgeiz heraus. Die Sonne strahlt. Die Menschen lächeln. Ein idyllisches Fest kann beginnen.

Nicht ganz. Denn wir befinden uns am Anfang eines langen Nachmittages Reise in die Nacht. Im Lauf der Feier wird auf der reich gedeckten Tafel reiner Tisch gemacht. Erbarmungslos holt die Dynamik zwischen den Gästen Geheimnisse ans Licht, die im Dunkeln gut aufgehoben waren. Den zwei Top Dogs der Schweizer Finanzwelt steht das Wasser des Zürichsees bis zum Hals. Der eine hat mit falschen Geschäften, der andere mit der falschen Geliebten hantiert. „Wir sind doch Freunde, oder?“, fragt der eine. „Genau“, antwortet der andere. Ha! Selten hat ein Dialog weniger aufrichtig geklungen. Ihr machohaftes Aufplustern: eine erbärmliche Show. Die Gattinnen mühen sich redlich, gefasste Mienen zum schlechten Spiel der Männer zu machen – und beginnen selbst, ein beschämendes Drama aufzuführen. Damit die brüchigen Fassaden nicht bröckeln, tragen alle heimlich frischen Putz auf: Alkohol, Tabletten, Koks. Der Film könnte auch heißen: Sieben Personen suchen einen Ausweg.

Die Schweizerin Stina Werenfels hat die Klingen gewetzt. „Nachbeben“ ist eine schneidige Satire auf die Welt der gehobenen Mittelklasse: auf die Scham- und Gewissenlosigkeit, die Raffgier und das Zur-Schau-Stellen von fragwürdigem Reichtum. Non olet? Hier stinkt das Geld zum Himmel, sagt die Regisseurin beinahe verächtlich. Das wäre schwer zu ertragen, hätte sie ihr Kammerspiel nicht mit beißendem Witz unterlegt. Vermutlich kennt sie Albees „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“ auswendig. Deshalb weiß sie, dass man selbst peinlichen Kreaturen gegenüber, Mitleid zeigen muss. Weil sie uns das nicht vorenthält, sehen wir erfreut, wie sich ihre Figuren um einen Mangel an Grillfleisch keine Sorgen zu machen brauchen: Sie zerfleischen sich einfach selbst.

Heute 22.30 Uhr (Cinemaxx 7), 11. 2. 15.30 Uhr (Cinestar 3), 14. 2. 22.30 Uhr (Colosseum 1), 17. 2. 20.30 Uhr (Cinestar 3)

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