Kultur : Pass partout - im Berliner Haus der Kulturen der Welt

Claudia Lenssen

Heimat ist da, wo man seine prägenden Kindheitserfahrungen macht, die Steuern bezahlt, unter rechtlichem Schutz lebt, verstanden wird. Heimat ist auch eine Art folkloristische Hausmarke, ein Wir-Gefühl, das sich an Postkartenlandschaften, Hausmannskost und regionalem Zungenschlag festmacht. Beide, die nüchterne und die dem Kommerz zugeneigte Variante zeigen an, dass Heimatgefühl an der puren Oberfläche versacken kann, im Banalen und im Kitsch. Was aber, wenn Heimat nicht selbstverständlich ist, wenn sie nicht als enges Netz auf der mentalen Landkarte verfängt?

Fremd ist der Fremde nur in der Fremde, bemerkte der Bayer Karl Valentin und öffnete die Schleusen für Assoziationen darüber, was denn das Gefühl der Fremdheit ausmache: eben die Konfrontation mit der gegenteiligen Erfahrung von Heimat und Vertrautheit. Heimat nimmt man mit, wenn man aufbricht; sie wird zum Erinnerungsort, zum Vergleichsmaßstab, zu einem transformierbaren Gut. Dieses Wechselspiel von Heimat und Femde interessiert das Haus der Kulturen der Welt. "Heimat Kunst" heißt denn auch ein vielfältiges Programm, zu dem in diesem Frühjahr Kunstschaffende aus allen Kontinenten beitragen. Sie haben ihre zweite Heimat oder ein Stück zweifelhafter Fremdheit in Deutschland gefunden. Und sie vergleichen unser Land mit ihren Herkunftsländern, schaffen Bilder für den Zwischenraum kultureller Identitäten, in dem sie sich bewegen.

Vierzig Künstler und Künstlerinnen aus 25 Nationen zeigen ihre Arbeiten in der gestern eröffneten Ausstellung. Kein fester Begriff von Heimat wird auf diese Weise veranschaulicht, vielmehr eine Fülle von unterschiedlichsten Assoziationen und sehr persönlichen Ansichten und Erfahrungen. Auf riesige, aus afrikanischem Holz geschnitzte Stempel hat Barthélémy Toguo aus Kamerun die Einträge vergrößert, die in seinem Pass stehen und ihm die Einreise nach Deutschland erschweren. Chiharu Shiota, eine junge Environment-Künstlerin aus Japan, Schülerin von Rebecca Horn, hat ihr Trauma in ein eindringliches Bild gefasst: Neunmal ist sie umgezogen in den drei Jahren, seit sie in Berlin lebt. Im Halbschlaf ist sie sich der Orte ihrer Existenz nicht mehr sicher. Ein Arrangement von weißen Betten, vollkommen eingesponnen in ein dichtes Geflecht aus schwarzem Netz erzählt von der Angst und Unruhe in ihrem Zwischenreich. Ein Videofilm der griechischen Medienkünstlerin Angela Melitopoulos erinnert an die Vertreibung ihrer griechischen Vorfahren aus der Türkei vor 75 Jahren. Im Dorf Drama in Nordgriechenland besucht sie die Alten, die davon erzählen.

Migration und Vertreibung sind jedoch nicht die einzigen Themenkreise der Ausstellung. Sie versteht sich nicht als expliziter Kommentar auf die grassierenden rechtspopulistischen Kampagnen. Aber die Offenheit und Vielseitigkeit der Werke bilden doch eine treffende Stellungnahme gegen die fremdenfeindlichen Parolen. So zeigen viele Künstler, wie bizarr und "fremd" das Leben in unseren vertrauten Gefilden eigentlich ist. Yoshiyuki Miura aus Japan stellt fest, dass der überwiegende Teil der Menschheit sein Essen mit Holzstäbchen zu sich nimmt, während die Europäer "Waffen" dazu benutzen, Messer und Gabeln aus Metall. Dem runden Zwischending Löffel widmet er eine wunderbare Hommage, einen Teppich aus schimmerndem Metall. Und er fügt ein Bild hinzu, in dem er tausende Reiskörner in Plexiglas arrangiert und zur Meditation über die Leere verdichtet.

Draußen vor dem Haus der Kulturen der Welt laden gelbe Blumen im Teich zum Besuch der Ausstellung ein. Erst beim Nähertreten entdeckt man die ironische Poesie des Arrangements von Ping Qiu: Es sind banale Gummihandschuhe, die da zu Seerosen aufblühen.

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