Kultur : Passionen der Kunst

Fern von Gibson: Würzburg zeigt Tilman Riemenschneider mit 180 Werken als Meister des beseelten Schmerzes

Christina Tilmann

Sie ist schmal und anmutig von Gestalt, eine Träumerin: der Körper elegant in S-Form geschwungen, die Schultern zerbrechlich zart, die schlanke, feingliedrige Hand rafft den schweren Mantel beiseite. Weiche Locken fließen den Rücken hinunter, bedecken ihn wie einen Mantel. Und das Gesicht die reine Melancholie, die Wangen fast eingefallen schmal, der Kieferknochen betont, der feine Mund zusammengepresst. Dazu blicken die Augen in die Ferne – mit einer Wehmut, die schon den Karfreitag, also das Kreuz und Golgatha, ahnen lässt.

Diese Madonna mit Kind aus Dumbarton House, Washington, ist eine Riemenschneider-Figur, wie man sie sich typischer nicht vorstellen kann. Alles, was Anfang des 15. Jahrhunderts möglich war an elegischer Weltferne, inniger Gläubigkeit, idealisierter Schönheit, ist hier vereint. Nicht nur als Künstler der Passion Christi ist Tilman Riemenschneiders stille Intensität der denkbar größte Kontrast etwa zu Mel Gibsons jüngstem Filmspektakel. Ungeheuer, dass kurz vor den Wirren der Bauernkriege ein fränkischer Handwerker daherkommen konnte, der dem groben Holz solche Feinheit abgewann. Weit mehr als seine Zeitgenossen, der noch mehr dem Mittelalter verhaftete Hans Multscher, der bodenständigere Michael Erhard oder der expressivere Veit Stoß, ist Riemenschneider (1435–1531) damit zum Inbegriff einer hochzivilisierten, verfeinerten Gesellschaft auf der Schwelle zur Neuzeit geworden. Ein Bild, in dem sich Generationen von Romantikern, aber auch heutige Zeitgenossen gern, allzu gern wiederfinden.

So ist schon jetzt abzusehen, dass die Riemenschneider-Doppelausstellung, mit der die Stadt Würzburg ihre Gründung vor 1300 Jahren feiert, ein Publikumsmagnet wird. 130 Bildwerke des fränkischen Meisters sind unter dem Titel „Werke seiner Blütezeit“ auf der hoch über der Stadt gelegenen Festung Marienberg versammelt, noch einmal 50 legt das Museum am Dom mit „Werke seiner Glaubenswelt“ nach. So viel Riemenschneider war lange nicht mehr: in Würzburg zuletzt 1981 zum 450. Todestag des Bildhauers mit einer Ausstellung zum Frühwerk, im Metropolitan Museum New York und in der National Gallery Washington zur Jahrtausendwende mit einer hymnisch gefeierten Überblickausstellung mit rund 50 Werken.

Die damalige Großzügigkeit hat sich gelohnt: Neben dem eigenen Bestand von rund 80 Riemenschneider-Arbeiten kann das Mainfränkische Museum nun stolze 50 Leihgaben verzeichnen – allein das gleicht angesichts des fragilen Zustands der 500 Jahre alten Holzskulpturen einer Sensation. Nicht nur die Madonna mit Kind aus Dumbarton Oaks, die seit langem erstmals wieder in Deutschland zu sehen ist, auch weitere Seltenheiten wie der Heilige Bischof aus der National Gallery Washington, die Beweinung Christi aus der Thyssen-Bornemisza-Sammlung, zwei Leuchterengel aus dem Victoria & Albert Museum in London und eine wunderbare Heilige aus amerikanischem Privatbesitz haben den Weg nach Würzburg gefunden. Auch in Deutschland, wo man sonst äußerst skrupulös ist, was das Ausleihen von Meisterwerken angeht, waren die Institutionen freigiebig: Die Skulpturensammlung der Staatlichen Museen zu Berlin, die über eine besonders reiche Riemenschneider-Sammlung verfügt, verlieh allein neun Werke.

So ergibt sich in Würzburg die seltene Gelegenheit, Werkgruppen gegenüberzustellen. Gerade dort, wo Riemenschneider Motive mehrmals behandelte, erfährt man viel über verschiedene Stile, Fassungen und Bearbeitungsstadien. Etwa bei den Beweinungsgruppen oder bei den Leuchterengeln, von denen sich in Würzburg gleich drei Paare, aus der Wartburg in Eisenach, aus dem Mainfränkischen Museum und aus dem Victoria & Albert Museum, gegenüberstehen. Sie sind alle zur gleichen Zeit, um 1505 entstanden, und doch völlig verschieden im Ausdruck: das Würzburger Paar grober, das Eisenacher realistischer, das Londoner schließlich verfeinert, zart und beseelt.

Nur eine Frage der Eigenhändigkeit? Riemenschneider war bekannt dafür, dass er in der Blütezeit der Produktion nach 1500 seiner Werkstatt oft die gesamte Ausführung der Arbeiten überließ. Auf die Unterscheidung der Schüler-Handschriften legt die Würzburger Ausstellung ihr besonderes Augenmerk. Denn in der Tat lassen sich Zuschreibungen nur im direkten Vergleich der Werke überprüfen, und wann hat man so viele von ihnen sonst beieinander?

Trotzdem hätte sich der Besucher eine sinnlichere Präsentation der eher spröde aufgereihten Werke gewünscht. Die Festung Marienberg hat für die Großausstellung zwar umdekoriert, kommt jedoch aus der engen Kojenhaftigkeit der Burgräume nicht heraus. Etwas mehr Licht, etwas mehr Inszenierung hätten schon sein dürfen. Und dazu mehr Mut, sich dem Thema jenseits des akademischen Forschungsdrangs zu stellen. Denn Fragen der Zuschreibung, der Farbfassung, der Stil-Entwicklung und der Werkstatt werden diskutiert, seit sich die Forschung mit Riemenschneider beschäftigt. Michael Baxandall hat schon 1980 die Arbeitsbedingungen der deutschen Bilderschnitzer untersucht, und auch die Jubiläumsausstellung 1981 hat sich mit Farbfassungen beschäftigt. In der Erkenntnis, dass Riemenschneider bei der Entwicklung der Bildschnitzerei nicht die dominierende Rolle spielte, die ihm die öffentliche Meinung zuschreibt, war die Forschung schon weiter als das Würzburger Jubiläumsunternehmen, das sich ganz auf den Mythos verlässt.

Doch stellen sich auch ganz andere Fragen: was seine Skulpturen über das Menschenbild zwischen Mittelalter und Neuzeit aussagen – und was über Schönheit, Geschlecht, Glauben und Individualität. Einzig die „Plakatheilige“, eine wunderbar bunt gefasste „Trauernde Maria“ von 1505, macht eine Ausnahme: Überlebensgroß thront sie am Eingang und zieht den Besucher in Bann. Das zarte Rosa der Wangen, die schmerzlich geröteten Lider, der wehe Zug um den Mund und der wie in Tränen schwimmende Blick: ein Inbegriff des Schmerzes, beängstigend präsent. Nicht ganz unverständlich, dass sie im 19. Jahrhundert als Hexe auf den Dachboden eines Hauses in Acholshausen verbannt worden war. 50 Mark zahlte ihr Entdecker 1885 für das Meisterwerk. Das Gegenstück, ein Jünger Johannes, war kurz zuvor als Brennholz verheizt worden.

Dem Riemenschneider-Geheimnis näher kommt die – ungleich bescheidenere – Parallel-Ausstellung im Dommuseum, die versucht, Riemenschneider vor allem als religiösen Künstler ernst zu nehmen. Die meisten Exponate stammen aus den Kirchen der Diözese Würzburg. Wenn auch die Gegenüberstellung mit religiöser Kunst von Penck bis Grützke, von Heisig bis Nitsch nicht immer glückt, begreift man doch, warum so viele Riemenschneider-Werke bis heute in den Kirchen verehrt werden. Wer dem lebensgroßen Johannes aus Haßfurt, dem Kruzifix aus Steinach oder dem Christus Salvator aus Biebelried gegenübersteht, fühlt, wie viel diese Kunst mehr ist als virtuose Form: Ausdruck von Schmerz und Leiden, aber auch Erlösung. Passionskunst, die vom Geist lebt. Mel Gibsons blutig-körperliche „Passion Christi“ wirkt von daher wie ein ferner, böser Traum.

Tilman Riemenschneider, Werke seiner Blütezeit: Mainfränkisches Museum Würzburg. Werke seiner Glaubenswelt, Museum am Dom, Würzburg, beide bis 13. Juni. Katalog (2 Bände im Schuber, Schnell & Steiner) 39 €.

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