Kultur : Passionsfrüchte

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SCHREIBWAREN

Jörg Plath über Beginner und Veteranen des Literaturbetriebs

Ich stehe – mal wieder – am Abgrund. Oder besser: vor einem unbezwingbaren Gipfel, einer Auftürmung, konkret: dem 3. Internationalen Literaturfestival. Es überfordert den gewissenhaftesten Kolumnisten. Meine 90 Zeilen fassen nicht einmal alle Termine der nächsten Woche. Daher wird „Schreibwaren“ Zuwachs bekommen. Auf den Kulturseiten finden Sie jeden Tag einen Festivalvorschlag und einen Rückblick auf eine oder mehrere Veranstaltungen. Diese Kolumne bleibt dem normalen Lesungsbetrieb gewidmet, denn der ruht, Festival hin oder her, natürlich nicht.

Beginnen wir mit den Beginnern. Absolute Beginner sind die am Dienstag, 9.9., um 20 Uhr im Literarischen Colloquium lesenden Stipendiaten des Hauses nicht. Ein Buch haben sie zumindest veröffentlicht: Heike Geißler den Roman über die vor der Schwangerschaft davonlaufende „Rosa“ (DVA), Nicola Anne Mehlhorn die Erzählung „Sternwendungssage“ (Frankfurter Verlagsanstalt), Artur Becker den Ost-West-Roman „Kino Muza“ (Hoffmann & Campe) und Jan Costin Wagner den schwermütigen Krimi „Eismond“ (Eichborn). Zwei Tage später, am Donnerstag, 11.9., stellt das Literaturforum (20 Uhr) die nicht weniger bekannten Stipendiaten des Berliner Senats vor: Annett Gröschner („Eis“, Berlin Verlag) und Norbert Kron („Autopilot“, Hanser). Halt, da ist doch noch eine absolute Beginnerin: Heidi-Maria von Plato . Na bitte.

Ein Stipendium braucht Michael Kumpfmüller nicht mehr: Sein Schelmenroman „Hampels Fluchten“, die den gleichnamigen Kleinbürger in Betten diesseits und jenseits der deutschen Grenze führen, war vor drei Jahren ein großer Erfolg. „Durst“ (Kiepenheuer & Witsch) heißt Kumpfmüllers zweiter, ganz anders gearteter Roman über eine junge Frau, die ihre zwei kleinen Kinder in der Wohnung einschließt und verdursten lässt ( Eggers und Landwehr , Dienstag, 9.9., 20 Uhr).

„Liegen lernen“ – nein, pardon, „Leben lernen“ (Kiepenheuer & Witsch) heißen die Erinnerungen von Peter Härtling , der einiges zu erzählen hat: Ein Lehrer ekelte ihn vor dem Abitur von der Schule. Härtling wurde Bürobote, später dann jüngster Redakteur des „Monats“, Mitglied der Gruppe 47 und des Wahlkontors der SPD. 1967, mit 34 Jahren, holte ihn Verleger Klaus Harpprecht als Cheflektor in den S. Fischer Verlag. Seit 1974 ist Härtling freier Schriftsteller, und nun plaudert er freundlich über dies und das aus dem politischen und dem Kulturleben der Republik. Seine Anfänge als Journalist schildert er so: „Die Angst vor den Wörtern fehlte mir noch. Ich dachte jeden Widerstand beiseite. Ich redete mir nicht hinein, kein Skrupel ließ meine Stimme stocken. (...) Meine Leichtfertigkeit bestand darin, dass ich leicht fertig wurde.“ Härtling liest am Mittwoch, 10.9., in der Akademie der Künste , deren Mitglied er seit langem ist, und am 12.9. im Literaturhaus (jeweils 20 Uhr).

In Berlin-Friedenau lernt Peter Härtling auch Peter Schneider, Nicolas Born, Hans Christoph Buch, F. C. Delius und Klaus Roehler kennen. Er ist gerade ein paar Jahre älter als sie und kann wenig anfangen mit dem Tod der Literatur – der bürgerlichen wohlgemerkt –, den 1968 das legendäre Kursbuch 15 erklärt. Das neue Kursbuch 153 widmet sich mal wieder der Literatur, die, so schreibt Ina Hartwig , den „Begleitschutz der Gesellschaftstheorie“ gegen ein „weltweit einmaliges Stipendien- und Literaturpreis-Paradies“ eingetauscht hat. Die Herausgeberin stellt das Kursbuch vor und diskutiert am Mittwoch, 10.9. im Literaturhaus (20 Uhr) mit der langjährigen Jurorin des Deutschen Literaturfonds Frauke Meyer-Gosau , die nun bei „Literaturen“ arbeitet, sowie den jungen Autoren Tobias Hülswitt , Antje Rávic Strubel und Kolja Mensing über „Betrieb und Passion“.

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