Kultur : Passionsgefuchtel

SANDRA LUZINA

Am Anfang wird eine Kerze angezündet, um die Finsternis zu erhellen. Am Ende senkt sich blaues Licht auf die barmenden Bühnenkreaturen nieder. Dazwischen ächzt und zuckt die andalusische Bruderschaft in ihrer Matratzengruft. La Zaranda aus Andalusien bescheren dem Festival "Theater der Welt" in den Sophiensälen noch eine Schluß-Andacht. Die vier menschlichen Wracks, die in "Cuando la vida eterna se acabe" (Wenn das ewige Leben endet) ihr Wehgeschrei anstimmen, sind Seelen, die aus ihrem Körpergefängnis erlöst werden wollen. Ihr Dauer-Lamento beschwört die Welt als Jammertal, ausgesprochen lärmend: mal als schrilles Papageien-Gekrächz, mal als heiseres Gestammel. Gebetsmühlenartig wird die Sinnlosigkeit der Existenz beschworen. Das andalusische Männertheater "La Zaranda" möchte sich in seiner Untergangsvision als Nachfahre Becketts erweisen, doch die Texte sind banal und ohne Musikalität, die Inszenierung schleppt sich bedeutungsschwer dahin, hüllt sich in religiöse Nebelschwaden. Wenn die Akteure sich nicht gegenseitig piesacken, klatschen sie nach imaginären Mücken, kämmen ihre Fransenstola, plantschen mit einer Saugpumpe in der Zinkwanne, schleppen humpelnd Mobiliar oder schweres Gepäck über die Bühne. Aus Bettgestellen entsteht ein Gitterkäfig, Bänke werden zur Kanzel, der Tag des Jüngsten Gerichts wird prophezeit, ewige Verdammnis gepredigt. Traditionelle Musik der andalusischen "Semana Santa" sowie Auszüge aus Bachs Matthäus-Passion sollen für andächtige Stimmung sorgen. Das Gekreische und Gefuchtel der Schmerzensmänner ist aber nur nervtötend. Nach mehr als einer Stunde werden auch die Zuschauer erlöst. In weißen Nachthemden formieren die Akteure sich zu einer Prozession in Richtung Bühnenausgang. Zurück bleibt nur ihre irdische Hülle in Form von abgetragenen Klamotten.Zum Schlußapplaus lassen die Darsteller sich nicht blicken.

Noch einmal heute 20 Uhr in den Sophiensälen

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