Kultur : Passionskirche: Jazz: Kuh auf dem Dach

Roman Rhode

Mit einer "Riesenlust zu spielen" betreten sie die Bühne: Nils Landgren, frisch gekürter Leiter des diesjährigen Jazzfests, und Esbjörn Svensson, der als Pianist nicht nur in Landgrens Funk Unit sitzt, sondern auch mit einem eigenen Trio von sich reden macht. Für ihr Folk-Jazz-Projekt haben sich beide zu einem Duo zusammengetan, das in dieser Kombination äußerst selten ist: Landgren hockt mit seiner rot lackierten Posaune neben Svenssons Flügel. Grinsend kündigt er in der Passionskirche an, dass man "meistens Kuhlieder" spielen werde. Damit meint er schwedische Folklore, die oft in den traditionellen Arbeitsliedern der Viehwirtschaft wurzelt. Doch wie Landgren und Svensson über die Klassiker ihrer Volkskultur improvisieren, ist ein eindringliches Kammerjazz-Erlebnis. Oft sind die Phrasierungen so sparsam, dass man glaubt, die ausgedehnten Moore, die tiefen Seen, die Stille der Wälder, die schlichte Klarheit des skandinavischen Nordens zu hören. Auf ihren empfindsamen Ausflügen zu Landschaftsbildern in Moll gehen die Musiker jedoch nicht verschollen. Sie brechen ihr Feeling durch die Vitalität und Virtuosität ihrer Instrumente. Svensson greift lustvoll in die Tasten und Saiten des Flügels, lässt ihn aufbrüllen, verfremdet ihn zu einem gezupften Hackbrett. Und Landgren beweist einmal mehr, dass er zu den wenigen Posaunisten gehört, die ihrem sperrigen Instrument ein Maximum an flinker Geschmeidigkeit abverlangen können. Von wegen "Kuhlieder" - hier springt die Kuh auf den Baum wie ein Eichhorn.

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