Kultur : Passionsspiel des Jahrhunderts

Isabel Herzfeld

"Es ändert sich nicht der Mensch, es sind die Verhältnisse, die seine Haltung ändern", kommentiert der Chor des Anhaltischen Theaters Dessau, in elendsgraue Schminkmasken und blutrote Kleidung gesteckt, immer wieder das Geschehen auf der Bühne. Sehr viel anders als Brechts kategorisches "Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral" aus der "Dreigroschenoper" klingt das nicht, jenem Stück,mit dem B. B. und sein Komponist Kurt Weill Furore machten: Der verkam dadurch zum "Bindestrich-Komponisten".

Doch Weills Oper "Die Bürgschaft" verkündet alles andere als einfache Wahrheiten. 1932 zu einem Libretto des "Dreigroschen"-Bühnenbildners Caspar Neher geschaffen, ist sie ein tief pessimistischer Abgesang auf Schillers Ballade, zugleich erschreckend hellsichtige Prophezeiung des Naziterrors. Der wütete denn auch schon gegen die Uraufführung - ein Jahr später war Weill auf der Flucht.

Jonathan Eaton, der das Werk vor zwei Jahren beim Spoleto-Festival zur amerikanischen Erstaufführung brachte, macht es zur Eröffnung des zehnten Weill-Festes in Dessau gleich zu einem Highlight. Was Weill und Neher als ihren mit vielerlei Symbolen von Marx bis Seneca aufgeladenen "Ring des Nibelungen" verstanden, beantworten der Regisseur und sein Ausstatter Danila Korogodsky mit einer faszinierend alptraumhaften Bilderflut. Das Leben ist eine Baustelle, sagen nicht nur die mit glänzender Choreografie bespielten Gerüste vor nacktem Bühnenhintergrund. Es gibt ein ganzes Kaleidoskop von Anspielungen, vom Händedruck der Protagonisten - das alte Symbol der Einheitspartei - bis zur Kreuzigungshaltung des Opfers Johann Mattes.

Es beginnt harmlos wie bei Schiller: Der Getreidehändler David Orth (Ulf Paulsen) hilft seinem besten Kunden Mattes (Philip Roth) aus der Klemme, ein alltäglicher Vorgang und doch "Grundlage zivilisierter Gesellschaften", wie Eaton meint. Die Idylle zerbricht nicht eigentlich am unüberwindlichen "Gesetz des Geldes und der Macht", sondern an den Menschen selbst: "Nebel", nur metereologisch erklärt, verhindert die Aufklärung von Missverständnissen.

Immer wird der große Ernst dieses "Passionsspiels des 20. Jahrhunderts" rechtzeitig gebrochen: In wahrer Spielwut schlüpfen Mark Rosenthal, Taimo Toomast und Juhapekka Sainio in immer neue Masken, Geschäftsleute, Wegelagerer, Faschistentrupp, "Bürgschaft" auch für die Qualität des hauseigenen Ensembles. Golo Berg, erst seit dieser Spielzeit GMD der Anhaltischen Philharmonie, führt sie mit feuriger Präzision durch Weills komplexe Mixtur an barocker Oratorienpolyphonie, schwelgerischer Melodik und trocken-ironischen Banjo-Rhythmen. Der von Markus Oppeneiger bestens instruierte Chor rundet diese Superleistung ab.

Überbieten ließ sich das natürlich nicht. Danach backte das Weill Fest, zum letzten Mal unter der Leitung von Andreas Altenhof, bevor Clemens Birnbaum von den Dresdner Musikfestspielen übernimmt, kleinere Brötchen. So verzichtete man diesmal auf eine Produktion der Anhaltinischen Musiktheaterwerkstatt mit Jugendlichen. Umso bedauerlicher, dass das leichtere Pendant zur "Bürgschaft", das Antikriegs-Musical "Johnny Johnson", gleich zum Flop geriet. Die mit "Ground Zero"-Zitaten und Trümmerbildern spielende Inszenierung des Amadeus-Ensembles Wien (in Co-Produktion mit der dortigen "Neuen Oper" und dem Frankfurter Kleist Forum) schaffte es nicht, über bloßen Klamauk hinaus zum ernsten Kern, der aktuellen Frage des "gerechten Krieges" vorzustoßen.

Unaufdringliche Aktualität besaß dafür die Matinee der Sopranistin Stefanie Wüst in einer überzeugenden Mischung aus Songs und Briefzitaten von Weill, Eisler und Stefan Wolpe. Ein weiterer Unbekannter, von den Nazis nach Palästina und in die USA Vetriebener, dessen 100. Geburtstag in diesem Jahr zu feiern ist und dessen "Hungerkünstler" man heute wieder antreffen könnte - zumal in einer Region mit solch horrender Arbeitslosigkeit wie Sachsen-Anhalt.

Wie das Festival im Sinne seines Patrons immer wieder Kunst in unmittelbare Realität überführt, war auch beim Geburtstagsspektakel im Dessauer Hauptbahnhof zu erfahren: Nur durch Küsse konnte das Stelzentheater "Grotest Maru" die Attacken eines glatzköpfigen Jugendlichen abwehren und seine fremdartigen Pantomimen fortsetzen. Klezmer dagegen in der Jazz-Adaption des Kol Simcha-Ensembles Basel wurde bejubelt. Und so wird es sicherlich auch dem Crossover-Konzert mit Gitte ergehen und Max Raabe, wenn er mit seinem Palastorchester zum Abschluss sagen wird: "Charming Weill".

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