Kultur : Pathetisch

ISABEL HERZFELD

Barenboim mit Tschaikowsky in der Philharmonie umjubeltVON ISABEL HERZFELDDie Gegenüberstellung von Publikumsliebling Tschaikowsky und einer gemäßigten Moderne, wie Witold Lutoslawski sie in seinem "Konzert für Orchester" pflegt - das riecht nach nur vorsichtig erweiterter Programmroutine.Beim frühen "Hauptwerk" des Polen haben Daniel Barenboim und das Berliner Philharmonische Orchester trotz beifällig honoriertem Einsatz noch einen schweren Stand.Unmittelbar bevor Polen sich 1956 der westlichen Avantgarde öffnete, verharrt Lutoslalwski hier noch im verordneten Folklore-Idiom.Was später zum Faszinosum des Erfinders der "gelenkten Aleatorik" werden sollte, nämlich die Schichtung kleinster Elemente zum flimmernden Klangband, wirkt in der bloßen Abfolge simpler in sich kreisender Motivteilchen wie eine Reihung von Schlußsteigerungen, eine "Stretta" nach der anderen. Viel geschmäht ist der Pathos in Peter Tschaikowskys Vierter Sinfonie in F-Moll.Zur Zeit des Ehefiaskos des homosexuellen Komponisten entstanden, sind die Empfindungen schicksalhafter Ausweglosigkeit in sie eingeflossen.Doch gelingt es Barenboim, alle sentimentalen Ablagerungen von der Partitur abzukratzen und das Pathos als das mitzuteilen, was es ist: in Tönen sprechendes Leiden.Das bleibt diskret im relativ weichen Trompetenbeginn, dem nur die Posaunen kurze Schärfe hinzufügen; im anschließenden Hauptthema, einer Kette von Streicherseufzern; dem von koketter Klarinette beschwingten Seitenthema.Dessen tänzerisch taumelnde Beschleunigung stürzt logisch in die Abgründe der Durchführung, hier stellt Barenboim zerklüftete, die Thematik fast zerstörende Rhythmen in den Vordergrund, preßt aus den Musikern das äußerste an Klangenergie heraus.Und die spielen sich buchstäblich das Herz aus dem Leibe.Selten waren im Finale die Farben der aufmarschierenden "Zirkuskapellen" so bunt, die tragischen Töne so anrührend zu vernehmen - leidenschaftlich explodierende Orchestervirtuosität.

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