Kultur : Pathos in Waschbeton

Fritz Bornemanns Bauten prägen das Gesicht West-Berlins. Jetzt erscheint das erste Buch zum Werk des Architekten

Bernhard Schulz

Die zum 90. Geburtstag angekündigte Ausstellung zu seinem Lebenswerk ist bislang nicht zu Stande gekommen. Immerhin erschien jetzt, pünktlich zum 91. Geburtstag am heutigen Mittwoch, die erste Monografie zum Oeuvre des Architekten Fritz Bornemann. Sie ist mehr als überfällig.

Kaum ein zweiter hat so sehr das Gesicht des westlichen Berlins der Nachkriegszeit bestimmt wie er. Von der Amerika-Gedenkbibliothek, 1954 eröffnet, bis zu den Neubauten der Staatlichen Museen in Dahlem (abteilungsweise ab 1970) spannt sich der Bogen. Mittendrin: die Deutsche Oper, eingeweiht mit dramatischem Tremolo im September 1961, einen Monat nach dem Bau der Mauer.

Die Koinzidenz ist erhellend. Denn Fritz Bornemann verkörpert den Willen zum Neuanfang nach 1945. Freiheit, Offenheit, lebendige Demokratie, die Begriffe perlen nur so; weniger beim Architekten selbst, der gern redet, aber mit seinem vorgeblichen Unvermögen zu großen Worten kokettiert, als bei Politikern und Laudatoren, die seine Bauten einweihten. Der Funktionalismus-Vorwurf, der seine Architektur Ende der sechziger Jahre einholte, ist nur vordergründig berechtigt, ganz abgesehen davon, dass „Funktionalismus“ eine leere Worthülse ist.

Stets ging es Bornemann darum, die guten Werte vorzuführen, die seine Bauten ausdrücken sollten. Jeder Nutzer der Amerika-Gedenkbibliothek, der ersten Freihandbibliothek Berlins, sieht, dass er selbst zum Buch greifen kann, statt am Tresen darum zu bitten, jeder Besucher der Deutschen Oper, dass Standesregeln in der egalitären Musikgemeinde obsolet geworden sind. Es ist dieses Pathos der Wiederaufbauzeit, das die Bauten demonstrieren und das ihnen, abseits aller zeitgebundenen Kritik an der Formensprache der sechziger Jahre (die tatsächlich ja aus den fünfziger Jahren der Entwürfe stammt), bis heute Charme verleiht.

Der jetzt vorgelegte Sammelband – er hätte in seiner Gestaltung durchaus näher an die Ästhetik der damaligen Zeit rücken dürfen – trägt mit gutem Grund den Titel „Inszenierte Moderne“. Die dem Architekten selbst wichtigsten Bauten sind die für Oper und Theater. Sein Leitmotiv ist die communio, das Miteinander von Bühne und Zuschauerraum und damit von Bühnenhandlung und Publikum. Das Gebäude sollte „nur Gefäß sein“, wie Bornemann seinerzeit erläuterte. So inszenierte er die Abfolge von Eingang, Treppen und Foyers als Hinführung zu jenem Erlebnis, das die renommierte „Bauwelt“ 1961 begeistert beschrieb: „Wo man auch sitzt, man ist wie mitten im Spiel.“ Zweites Hauptwerk der Theaterarchitektur wurde die Freie Volksbühne an der Schaperstraße (1963 eröffnet), bei der Bornemann den Weg durch den Garten inszeniert und die Fassade in diametraler Umkehrung der berühmten WaschbetonAbschottung der Deutschen Oper als Glasvorhang öffnet.

Was im neuen Buch erstmals dokumentiert wird und sich für das Verständnis der Bauten als ungemein wichtig erweist, ist Bornemanns umfangreiche Tätigkeit als Ausstellungsgestalter – zumeist für, sagen wir ruhig, Propagandaausstellungen, die die United States Information Agency in der Nachkriegszeit nach Europa schickte. Diese Erfahrung führte zur Einbeziehung Bornemanns in die Innengestaltung der von Wils Ebert als fensterlose Kuben bereits fertiggestellten Dahlemer Museumsbauten. Die Inszenierung der außereuropäischen Bestände als Einzelobjekte, effektvoll durch Spotlights aus dem Dunkel der tageslichtlosen Säle herausgehoben, war schulbildend für zahllose Museen – bis die auratische Isolierung des Einzelwerks unter dem Stichwort des kulturhistorischen Kontexts zur Kardinalsünde erklärt wurde. Bornemanns Inszenierungen sind bereits weitgehend beseitigt, die Bauten insgesamt stehen zur Disposition.

Dass übrigens gute Herausgeber nicht zugleich gute Moderatoren sein müssen, konnte man am Montagabend erleben. Der Jovis Verlag hatte zu einer Podiumsdiskussion ins Parkettfoyer der Deutschen Oper geladen. Eine derart uninspirierte Veranstaltung hat man lange nicht mehr erdulden müssen. „Ist die Bar offen?“, suchte eine hilflose Susanne Schindler nach anderthalb zerfahrenen Stunden den Absprung zu finden. Aber ach, nicht einmal dafür war gesorgt.

Susanne Schindler unter Mitarbeit von Nikolaus Bernau (Hrsg.): Inszenierte Moderne. Zur Architektur von Fritz Bornemann. Jovis Verlag, Berlin 2003. 176 S., zahlr. Abb., 22 €.

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