Kultur : Pathos und Pathologie

Damian Tabarovskys Pseudo-Autobiografie

Marianna Lieder

Dami, ein Workaholic, dem der eigene Körper den Kampf angesagt hat, ist Anfang 40 und lebt in Buenos Aires. Obgleich der Held von Damian Tabarovskys „Medizinischer Autobiographie“, dieser satirischen Kranken- und Anti-Selbstfindungsgeschichte Vorname, Jahrgang und Heimatstadt mit dem 1967 geborenen Schriftsteller und Verleger teilt, kann er weder als Alter Ego noch als fiktiver Selbstbiograf für voll genommen werden. Dami, von dem in der dritten Person erzählt wird, laboriert neben verschiedensten Krankheiten an immer neuen Varianten seines turbo-kapitalistischen Selbstentwurfs.

Ein Zwölffingerdarmgeschwür beendet seine Karriere als Marketingstratege, ein eitriger Zeh verdirbt ihm das Geschäft als Straßenverkäufer. Seinen Job als TV-Redakteur muss er wegen einer Virusinfektion aufgeben. Seelisch ist Dami dafür immun gegen jede Art von erwerbsmindernden Selbstzweifeln. Mag ihn eine krankheitsbedingte Kündigung noch so unvorbereitet treffen, soziale Abstiegsängste kommen gar nicht erst auf. Genesung oder ökonomische Effizienz – eine dritte Möglichkeit scheidet aus. Der Glaube an sein „Ausnahmemenschentum“ ist die letzte Bastion, die seiner Spottlust Respekt einflößt. Anders verhält es sich mit dem Erzähler, der sich als ironischer Diagnostiker nach Lust und Laune aus Damis Bewusstseinsstrom herauslöst, um ihm „Mainstream-Mentalität“ und einen „hundsgemeinen Charakter“ zu attestieren.

Schritt für Schritt wird Damis Persönlichkeit, die zu Beginn noch geeignet schien, diese „Autobiographie“ zusammenzuhalten, demontiert. Sie verwässert in Selbstzuschreibungen, ungnädigen Erzähleranalysen und Einsprengseln zu Medizin- und Geistesgeschichte. Um Damis desaströsen Gesundheitszustand auf höhere Bedeutung hin abzuklopfen, werden Kant, Jünger, Flaubert zitiert und sofort wieder verworfen. Finaler Befund: Krankheit ist niemals Metapher, weder für die Missstände des Kapitalismus noch für die Zerbrechlichkeit der Seele noch für irgendetwas anderes. „In der Stunde des Schmerzes sind alle Metaphern grau.“

Tabarovsky spielt Pathologie gegen Pathos aus. Er treibt Schabernack mit den Sinnstiftungsbedürfnissen des Lebens und der Literatur. Die draufgängerische Flapsigkeit, mit der Gedankenschwere anmoderiert wird, um in Plattitüden zu enden, wirkt bisweilen angestrengt. Die zähestflüssigen Passagen sind jene, in denen sich der Tonfall demonstrativ zu sarkastischer Rasanz hochschraubt. Doch selbst hier handelt es sich um die konsequente Umsetzung einer radikalen l’art-pour-l’art-Poetik . In dem Strudel aus theoretischer Überfrachtung und Banalität befreit Tabarovsky nicht nur seinen Charakter Damis, sondern gleich seinen Kurzroman als Ganzes. Am Ende bleibt nichts, was über die Lektüre hinaus verweisen könnte. Für Krankheit und Literatur gilt hier dasselbe: Ihr Sinn erschöpft sich in sich selbst. Marianna Lieder

Damian Tabarovsky: Medizinische

Autobiographie. Aus dem Spanischen von Heinrich v. Berenberg. Berenberg Verlag,

Berlin 2010.

96 Seiten, 19 €.

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