Kultur : Pâtisserie de luxe

Allerlei für den Adventskorb der bewegten Bilder: Die 11. Französische Filmwoche in Berlin.

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Schon das Plakat ist formidable. Endlich mal keine ewigen bisous wie zwischen Merkel und Sarkozy, sondern charme. Ein schönes, gesenktes Augenlid, kunstvoll geschminkt in bleu-blanc-rouge. Dazu Wimpern à en rêver, wenn Sie verstehen, was ich meine.

Auch die bewegte Bilderwelt, für die das Plakat wirbt, zeigt sich in famoser Form. Allez les films! Zum 11. Mal steigt in Berlin ab Donnerstagabend die Französische Filmwoche, und wer nicht bis zum Kinostart der vielfach bemerkenswerten Titel oder gar bis zum St. Nimmerleinstag warten mag, ist hier richtig. 18 Filme aus Frankreich, Québec sowie den frankophonen Welten Belgiens und der Schweiz sind zu sehen – vom Historiendrama über den Animationsfilm und den Ehethriller bis zum feel good movie. Mon dieu, wie heißt feel good movie auf Französisch?

So ein Film, der schnurstracks très bonne humeur macht, ist „Intouchables“ („Ziemlich beste Freunde“), womit die Reihe im Kino International eröffnet. Ein querschnittsgelähmter Millionär (très cool: François Cluzet) findet seinen neuen Pfleger ausgerechnet in einem klein- bis mittelkriminellen Afrofranzosen. Und mit ihm zurück zu einer wunderbar unverschämten Lust am Leben. Moral: Das Glas, mag es auch fast leer erscheinen, ist fast voll. Kommt eben bloß auf die Einstellung an!

In dieses Genre gehört auch zwingend „La fée“ von Dominique Abel und Fiona Gordon, die aus lauter Vergnügen an ihrer Erfindung gleich selbst die Hauptrollen spielen. Ein einsamer Nachtwächter, der geradewegs Aki Kaurismäkis „Le Havre“ entschlüpft sein könnte, wird von einer unwiderstehlich frohen Fee zu allerlei turbulenten Abenteuern verführt. Drei Wünsche hat er frei – et voilà!

Träumen darf der Zuschauer ausdrücklich auch in „Poulet aux prunes“ („Huhn mit Pflaumen“) von Marjane Satrapi. Nach ihrem faszinierenden Animationsfilm „Persepolis“ raunt sie diesmal von den bittersüßen letzten Tagen eines persischen Geigers (hingebungsvoll: Mathieu Amalric). Wer sich etwa unlängst Andreas Dresens thematisch durchaus nicht unverwandten „Halt auf freier Strecke“ zugemutet hat, wandelt durch diesen Film wie durch eine pâtisserie de luxe. Prädikat: äußerst adventstauglich.

Und sonst? Erst aufregend ruppig vorstadtpariserisch, dann mit viel Sehnsucht nach Harmonie präsentiert sich Géraldine Nakaches Freundinnengeschichte „Tout ce qui brille“ – übrigens mit einer hohen Dosis verlan, dem aus Silbenvertauschung gewonnenen, längst hyperpopulären postproletarischen Geheimcode. Oder wie wäre es mit Christophe Barratiers „Krieg der Knöpfe“, nach dem Jugendbuchklassiker über einen dörflichen Kinderbandenkrieg 1944? In Frankreich machte die Sache allerdings vor allem als bataille des producteurs von sich reden. Fast zeitgleich kamen im September zwei Neuverfilmungen des Stoffs ins Kino.

Ein persönlicher Favorit? Bien sûr – und kein Zufall, dass das Werk zu den sechs nominierten Titeln für den am Wochenende in Berlin zu vergebenden Europäischen Filmpreis gehört. Der bislang nicht eben weltbekannte Michel Hazanavicius hat mit den bisher ebenfalls nicht weltbekannten Jean Dujardin und Bérénice Bejo in Schwarz-Weiß einen Faststummfilm über einen Star gedreht, mit dessen Karriere es zu Beginn der Tonfilmära steil bergab geht – und dann rettet ihn eine aberwitzige, ziemlich große Liebe. Ein tolle Hommage auf die frühen Jahrzehnte des Kinos ist das, mit – nahezu – französischem Titel: „The Artist“. Jan Schulz-Ojala

1. bis 7. Dezember im International, Cinema Paris, FaF, Passage sowie im Institut français, Kurfürstendamm 211. Programmdetails: www.franzoesische-filmwoche.de

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