Kultur : Patrice Bart choreografiert Tschaikowskys "Nussknacker" an der Berliner Staatsoper

Norbert Servos

"Der Nussknacker" ist Tschaikowskys letztes Bühnenwerk und bis heute eines der beliebtesten. Von der Originalchoreografie, die Lew Iwanow 1882 stellvertretend für den erkrankten Marius Petipa übernahm, ist allerdings wenig erhalten geblieben. So reizt jede Neuinszenierug zur Neuinterpretation. Patrice Bart verlegt sich in seiner Fassung für die Staatsoper Unter den Linden aufs Psychologisieren. Offenbar reichte ihm E. T .A. Hoffmanns Märchenvorlage, nach der Petipa das Libretto schrieb, nicht aus. Eigentlich nämlich ist die Geschichte recht schlicht.

Marie erhält zu Weihnachten einen Nussknacker, mit dem sie - im Traum - eine gefährliche Schlacht gegen den Mäusekönig gewinnt. Mit dem in einen Prinzen verwandelten Nussknacker unternimmt sie eine Reise ins Reich der Süßigkeiten. Bart nun stellt dem zweiaktigen Ballett einen Prolog voran, in dem Marie, nun von adeliger Abkunft, von revolutionären Kosaken entführt wird, um dann bei recht betuchten Stiefeltern aufzuwachsen. Marie ist fortan ein "traumatisiertes" Kind, das über den Nussknacker als vage Erinnerung an ihre wahre Herkunft ihr Trauma ausagiert. Schlüssiger wird die Handlung dadurch keineswegs. Auch von größerer Wirklichkeitsnähe kann nicht die Rede sein, vor allem wenn die Kosaken gewandet sind wie weiland die Türken vor Wien. All diese Eingriffe taugen wenig dazu, der Handlung Glaubhaftigkeit zu verleihen. Sie schaffen nur neue dramaturgische Knoten. Luisa Spiantellis Ausstattung sorgt mit ihrem willkürlichen Stil- und Epochenmix einmal mehr für eine planlose Verwirrung. So strandet das Unternehmen schon in der Anlage in einem wirren Nirgendwo: weder märchenhaft noch psychologisch "realistisch".

Doch damit nicht genug, ist da auch noch der Choreograf Patrice Bart. Welch hohe Kunst ein klassischer Choreograf beherrschen muss, merkt man so recht erst, wenn sie durch Abwesenheit glänzt. Im "Nussknacker" setzt Bart diesmal vorwiegend auf Tempo - und drangsaliert seine Tänzer mit in dieser Geschwindigkeit schlichtweg untanzbaren Kombinationen. Arg kurzschrittig ist sein Vokabular, hektisch und hölzern. Nicht nur lässt es - jenseits simpler Geometrie - jeglichen Raumbezug vermissen. Es fehlen meist die verbindenden Schritte, die einen Fluss überhaupt erst herstellen. Hebungen müssen so meist aus dem Stand bewältigt werden - für die Männer eine Knochenarbeit und für die Frauen äußerst unvorteilhaft. Geradezu penetrant ist das Auftrumpfen mit immer den gleichen Double Tours und großen Sprüngen, die jede Motivation vermissen lassen. Hier beweist der Choreograf die Sensibilität eines Holzfällers.

Vollends kollabiert die choreografische Sprache jedoch in den zahlreichen Soli. Selten hat man klassischen Tanz derart blutleer gesehen. Da sind die Protagonisten Nadja Saidakova (Marie), Oliver Matz (Drosselmayer), Vladimir Malakhov (Prinz) und Beatrice Knop (Großherzogin) so wenig zu beneiden wie das gesamte Ensemble.

Wenn denn doch eimal eine Szene - wie der Schneeflockenwalzer - in scheinbaren Fluss gerät, so entdeckt sich schnell, dass Bart die immer gleichen Sequenzen repetiert. Choreografische Hausmannskost möchte man das nennen.

Wo die Choreografie versagt, gewinnt die Musik an Gewicht. Der eigentliche Star dieses Ballettabends ist denn auch die Staatskapelle unter Daniel Barenboim. Sie spielt einen gänzlich unpathetischen Tschaikowsky, frisch, leicht und von hoher Präzision. Warum also noch einmal - nach der unsäglichen "Verdiana" - Patrice Bart? Nach wie vor sträubt sich die Staatsoper gegen eine Einbindung in das BerlinBallett. So wenig diese Haltung ohnehin nachzuvollziehen ist, sie ist es um so weniger, je länger das Haus auf choreografischen Dilettantismus setzt.Weitere Vorstellungen: 22.12., 19 Uhr, 23. und 25.12., jeweils 15 und 20 Uhr, 28.12., 19 Uhr, Staatsoper Unter den Linden

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