Kultur : Patriot im Hintergrund

Egon Bahr nimmt in seinen Erinnerungen an den Freund und Kanzler Willy Brandt kein Blatt vor den Mund.

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Egon Bahr, der Mann an Willy Brandts Seite, hat am 18. März seinen 91. Geburtstag gefeiert. Ja, er ist ein alter Mann. Aber was für einer! Dies zu erwähnen, ist nicht taktlos. Denn sein hohes Alter ist auch ein historischer Glücksfall, dessen Zeugnis mit seinem jüngsten Buch unter dem Titel „Das musst du erzählen“ vorliegt. Was Historiker der Entspannungs- und Ostpolitik aus tausend Aktenordnern destillieren müssen, ohne je die innersten Beweggründe, die seelischen Abgründe, die schmählichen Kabinetts- und Partei-Intrigen der Protagonisten jener entscheidenden Jahre des Kalten Kriegs entziffern zu können, erzählt Egon Bahr in schnörkelloser, frischer Sprache. Und er nimmt kein Blatt vor den Mund.

Wer persönliche Abrechnungen auf Niveau erwartet, wird bedient. Das diffuse Bild Herbert Wehners, der am Sturz Willy Brandts entscheidend beteiligt war, wird immer deutlicher. Wehners lautem Seufzer vor der SPD-Fraktion am Tag von Brandts Rücktritt, „wir alle lieben dich!“, sollte Jahrzehnte später eine ähnliche Liebeserklärung aus dem Mund Erich Mielkes vor der Volkskammer folgen.

Dem Einsatz an der Front war der Abiturient Bahr nach kurzem Wehrdienst entkommen, weil er sich als „Vierteljude“ in die Wehrmacht „eingeschlichen habe“. Er wurde entlassen in die Rüstungsproduktion und machte nach 1945 als Journalist beim RIAS Karriere. Die politische Laufbahn des späteren Bundeskanzlers Brandt sollte er in verschiedenen Positionen begleiten (unter Helmut Schmidt wurde er auch Bundesentwicklungsminister.) Als außenpolitischer Stratege Brandts entwarf und verhandelte er die Grundzüge der Ost- und Entspannungspolitik unter dem Motto „Wandel durch Annäherung“. So liest es sich in seinen ersten Memoiren und in jedem Sachbuch zur Amtszeit der sozialliberalen Koalition unter Brandt und Schmidt. Doch dieses Buch erzählt die privaten, nicht selten auch unbekannten Wegmarken und Erfahrungen Bahrs auf dem langen Weg zur Wiedervereinigung.

Zu einer Zeit, in der allenfalls die Springer-Presse einen patriotischen Kammerton pflegte, praktizierte ihn Bahr im privaten Dialog, in Hintergrundgesprächen mit den Machthabern im Kreml und in Washington. „Die SPD“, so hatte er bereits 1957 als junges Parteimitglied gefordert, „muss dazu beitragen, dass Deutsche aus der Verkrampfung im Verhältnis zur Nation herauskommen.“ Und: „Auf die Nation zu verzichten, würde die Aufgabe der Wiedervereinigung bedeuten. Es wäre der Selbstmord unseres Volkes und würde zum Verrat an der Demokratie.“ Konrad Adenauers Deutschlandbekenntnisse klangen so ähnlich, aber vom Herzen kamen sie nicht. In Kurt Schumachers und Fritz Erlers SPD hingegen war derlei altmodische Rhetorik nicht unbekannt, kam aber bald aus der Mode. Egon Bahr hielt an seiner Überzeugung fest. Und er wusste, dass sein Ziel ohne die Westmächte niemals zu erreichen war. Über deren eigene nationalen Interessen machte er sich keine Illusionen. Unter dem riskanten Schutzschirm der gegenseitigen atomaren Abschreckung der beiden Großmächte galt es, über eine Entspannungspolitik den Weg zur nationalen Einheit zu ebnen.

In Willy Brandt hatte er einen realistischen Freund und Kanzler gewonnen, der Bahrs langfristigem Kalkül folgte und mit seinem eigentümlichen Charisma die Mehrheit der Wähler hinter sich versammeln konnte. Bahr entpuppte sich in Bonn als Geostratege mit erstaunlichem Verhandlungsgeschick. Als Planungschef im Auswärtigen Amt der Großen Koalition bediente er sich der Berufsdiplomaten, die sich nur wunderten über diesen linken Deutschnationalen. Eine Konzeption mit dem Ziel der deutschen Einheit fand er nicht vor. Erst mit dem Wahlsieg der SPD im September 1969 konnte Bahr, nunmehr Staatssekretär im Kanzleramt, seine geheimdiplomatische Sonderbegabung zielstrebig und umtriebig entfalten. Seine erste Reise führte ihn nach Washington zu Henry Kissinger. Zu den Überraschungen seines Buches zählt die Freundschaftsbekundung zu Nixons Sicherheitsberater und späterem Außenminister: Hier hatten sich zwei Realpolitiker gefunden. Bahr: „Ohne Kissinger hätte es unsere Entspannungspolitik nicht gegeben.“ Man duzte sich schnell. In den Zeitungen las man damals das Gegenteil. Für die verbohrte CIA blieb Bahr jahrelang ein nicht vollständig „abgeklärter“, unsicherer Kantonist.

Mit dem Segen des Amerikaners aus Fürth ausgestattet, reiste Brandts Mann nach Moskau – den Weg geebnet hatte Walerij Lednew, ein Moskauer Journalist, der zweifellos mit dem KGB verbandelt war. Bahr trug sein Konzept der „Ostpolitik“ vor, Walter Ulbricht erfuhr davon und versuchte vergeblich zu intervenieren. In Moskau floss der Wodka und das Vertrauen zum Abgesandten des Bonner Klassenfeindes wuchs. Die anschaulichen Schilderungen dieser Gespräche, nebst Hinweisen seiner russischen Partner auf die Allgegenwart von KGB-Mikrofonen erwecken den falschen Eindruck einer heiteren politischen Abenteuerreise. Es war in Wirklichkeit der Anfang eines vertraglichen Tauziehens, an dessen Ende der Moskauer und der Warschauer Vertrag, das Transitabkommen und der Grundlagenvertrag mit der DDR standen.

Auf jeder Seite seines Buches, das sich streckenweise wie eine schmerzhafte Liebeserklärung an den Freund liest, macht Bahr deutlich, dass seine geheimen Aktivitäten nicht nur im Einvernehmen Brandts abliefen, sondern dass sie ohne den Kanzler folgenlos geblieben wären. Gleichzeitig lässt Bahr keinen Zweifel daran aufkommen, dass sich ihm das innerste Wesen des Kanzlers und SPD-Vorsitzenden niemals offenbart hat. Der private Mensch Brandt blieb ihm und wohl allen anderen, vielleicht auch seiner engsten Familie, verschlossen.

Noch rätselhafter aber blieb Egon Bahr der ehemalige Kommunist und Komintern-Funktionär Herbert Wehner. Der Fraktionsvorsitzende der SPD, das steht für Bahr außer Zweifel, hat den Kanzler Brandt eigenhändig gestürzt. Sollte Wehner geahnt haben, dass die Ostpolitik das Ende der DDR einleiten könnte? Dass er in Wirklichkeit kein Freund einer Wiedervereinigung war, dass er heimliche Kontakte zu Erich Honecker pflegte, ja, dass diese an die Grenze des „Hochverrats“ reichten – dies alles addiert sich in Bahrs Buch zu einem Charakterbild Wehners, das einem tückischen Renaissance-Kardinal im Vatikan eher gleicht als dem des robusten „Onkels“, der in die SPD-Folklore eingegangen ist. Ihm zur Seite steht Hans-Dietrich Genscher in Bahrs Galerie der falschen Freunde.

Seine „Politik der kleinen Schritte“ hatte den unbeugsamen Antikommunisten Bahr nach dem Abgang des SPD- Kanzlers in Gesprächsnähe mit führenden Politbüro-Mitgliedern der dahinsiechenden SED gebracht. Für ihn war das eine natürliche Fortsetzung seiner realpolitischen Weltsicht. Dass seine Hoffnungen auf eine langsame, aber unvermeidliche Wiedervereinigung auf den Straßen der kollabierenden DDR von jungen Idealisten so plötzlich und rasant beschleunigt wurden, dürfte ihn wie alle anderen Bonner Politiker ziemlich überrascht haben. Ob diese ersten erfolgreichen Revolutionäre der deutschen Geschichte geahnt haben, wer den langen Weg zur nationalen Einheit Jahrzehnte zuvor eingeschlagen hatte? Dass Helmut Kohl die Wiedervereinigung als persönliche Leistung interpretiert, was sie ja auch war, betrachtet der Autor mit angenehmer Nachsicht.

„Du musst das erzählen“ beweist einmal mehr, dass nicht Strukturen, sondern Menschen Geschichte machen. Deren prinzipielle Ungewissheit hat Egon Bahr nicht daran gehindert, ihr eine Richtung geben zu wollen – ein Patriot im Hintergrund. Dass er sich in diesen privaten Reminiszenzen auf jeder Seite in den Schatten seines Freundes und Kanzlers stellt, macht die Lektüre zu einem Vergnügen in unserer Epoche medialer politischer Eitelkeit.



– Egon Bahr:

„Das musst du

erzählen.“

Erinnerungen an

Willy Brandt.

Propyläen Verlag,

Berlin 2013. Seiten, Euro. 240 Seiten,

19,90 Euro.

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