Kultur : Patriotismus-Debatte: Die Deutschen haben Angst vor sich selbst - und vor den anderen

Daniel Barenboim in der "New York Review of Books"

Zum Thema TED: Kann man auf die Zugehörigkeit zu einer Nation stolz sein? "Ich glaube, dass viele Deutsche in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts ihren Sinn für Patriotismus verloren haben, auch aus Furcht vor dem Nationalismus. Das ist schade. Gleichzeitig mit dieser Entwicklung begann eine Einwanderungswelle, mit der mehr Ausländer als je zuvor nach Deutschland kamen. Deutschland öffnete seine Tore und bediente sich der Immigranten, ohne zugleich Toleranz und eine offizielle Einwanderungspolitik entwickelt zu haben wie beispielsweise Argentinien oder die USA. Die fremdenfeindliche Haltung vieler Deutscher scheint für mich von der Tatsache herzurühren, dass die letzten zwei, drei Generationen nicht wirklich gelernt haben, was Einwanderung bedeutet. Sie sind nicht in der Lage zu verstehen, dass man mehr als eine Identität zur gleichen Zeit haben kann. Sie können nicht akzeptieren, dass Menschen aus anderen Ländern mit fremden Sitten und Kulturen Teil ihres eigenen Landes werden können, ohne damit ihre Identität als Deutsche zu bedrohen. Das beste Beispiel für dieses spezifisch deutsche Problem ist die gegenwärtige Situation in Berlin, wo einige Leute die Mulitkulturalität ihrer Hauptstadt fürchten. (...) Dabei ist Berlin die einzige Stadt, in der man sich aus Moskau nicht ganz fremd im Westen und aus Washington nicht völlig fremd im Osten fühlt."

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