Patriotismus : Heimat hat einen wahren Kern

Ist Patriotismus rechts, links, oder unpolitisch? Drei Bücher beschäftigen sich mit dem Verhältnis der Deutschen zu Deutschland.

von
Der kleine Nick in New York. Seit über 30 Jahren zeichnet Jean-Jacques Sempé Titelbilder für die Zeitschrift „The New Yorker“ – sie alle illustrieren das Heimatgefühl, das diese Großstadt vermittelt. Nun sind die wunderbaren Zeichnungen zusammen mit einem Gespräch mit Sempé im Diogenes Verlag erschienen ( Sempé in New York, 320 Seiten, 49,90 Euro).
Der kleine Nick in New York. Seit über 30 Jahren zeichnet Jean-Jacques Sempé Titelbilder für die Zeitschrift „The New Yorker“ –...

In Frankreich hat man sich an die Bürger gewandt: „Was heißt es für Sie, Franzose zu sein“, fragte auf einer Internetseite feierlich Eric Besson, dessen Aufgabenspektrum als Minister auch die Sorge um die Nationale Identität umfasst. Das Ziel war kein geringeres, als einen nationalen Selbstfindungsprozess einzuleiten. Nachdem allerdings die Debatte über die Debatte größer zu werden drohte als die Diskussion um die Kernfrage selbst, ließ die Regierung das Ganze versanden. Zentrale Ergebnisse sind eine „ständige Vertiefungskommission“ und eine Trikolore an jedem französischen Schulgebäude.

Auch Deutschland ist mitten in einer Debatte um die nationale Identität, seitdem Christian Wulff anlässlich der Einheitsfeierlichkeiten gefragt hat: „Was hält uns zusammen?“ Mittlerweile ist auch das Wort „Leitkultur“ wieder aufgetaucht. Gleichzeitig reibt sich die Republik über die radikale und erstaunlich politische Heimatverbundenheit der Schwaben die Augen. Was gehört zum Deutsch-Sein? Der Islam? Überhaupt irgendeine Religion? Und wäre Deutschland noch dasselbe ohne den Stuttgarter Juchtenkäfer?

In das allgemeine nationale Rauschen hinein sind im letzten halben Jahr auch auf dem Buchmarkt einige Beiträge erschienen, die sich in sehr unterschiedlicher Weise mit dem Deutsch-Sein befassen. Ein Stück weit spiegelt sich in diesen Publikationen die Debatte: Was deutsch ist, was deutsche Heimatverbundenheit oder gar Patriotismus ausmacht, darüber gibt es sehr unterschiedliche Vorstellungen.

Gemeinsam ist den Autoren lediglich der Ausgangspunkt: 2006, die Weltmeisterschaft, Fähnchenschwenken und Hymne-Singen. Noch immer wird die schwarz-rot-goldene Party auf den Straßen als sichtbarer Beleg für eine neue Verbundenheit der deutschen mit dem eigenen Land gelesen. 2006 war der Moment, wie der Bonner Politologe Volker Kronenberg schreibt, „in dem Deutschland einen neuen Patriotismus, eine veränderte Einstellung zu sich beziehungsweise zum eigenen Land erkennen ließ: spontan, ohne große Hintergedanken und ohne falschen, nationalistisch-scharfen Unterton“. Der Antrieb allerdings für das spontane Bedürfnis Tausender, Deutsch-Balkonien in den Nationalfarben zu schmücken, wird ganz unterschiedlich interpretiert.

Die Berliner Journalistin und Autorin Verena Schmitt-Roschmann etwa beschreibt die Beziehung der Deutschen zu ihrem Land als Heimatliebe und sucht diese Heimat im Konkreten. Ihr Buch ist eine Sammlung kleiner, schön erzählter „Heimatgeschichten“: Über ein Dorf in Niedersachsen, das um einen „Heimatverein“ streitet, über deutsche Arbeitsmigranten in der Schweiz und über Ingeborg und Karl-Heinz aus Berlin-Karlshorst, die dem Palast der Republik und den DDR-Straßennamen nachtrauern. „Heimat“, schreibt die Autorin, hat einen „wahren, echten, unpolitischen Kern“. Und der liegt im Kleinen, im Subjektiven, im Individuellen. Dieser Kern werde immer mehr zum Sehnsuchtsobjekt einer Generation von Jobnomaden und Entwurzelten.

Doch auch an Konzeptionen eines politischen, sozusagen „überheimatlichen“ deutschen Patriotismus versuchen sich Autoren. Ausgerechnet ein Grüner hat in diesem Jahr einen Patriotismusentwurf vorgelegt: Robert Habeck, Fraktionsvorsitzender im Landtag von Schleswig-Holstein, Jahrgang 1969, Krimi- und Kinderbuchautor sowie Berufspolitiker.

Das grüne Verhältnis zu Deutschland ist seit jeher heikel. Es pendelt zwischen dem bewahrenden Verantwortungsgefühl für die unmittelbare Umwelt und einer traditionell starken Staatsskepsis. So bläst dem Leser der antizipierte, innerparteiliche Gegenwind aus jedem Kapitel entgegen: „Ich weiß, während ich diese Sätze schreibe, dass ich dafür Prügel beziehen werde“, schreibt Habeck.

Dabei ist Patriotismus, wie ihn Habeck versteht, gut vereinbar mit klassisch linkem Gedankengut. Habeck sieht die Gefahr für ein solidarisches Gemeinwesen nicht im Staat, sondern in einer ungezügelten Ökonomie. Die Antwort darauf sucht er zwar nicht, wie die sozialistische Linke, in der Abschaffung der Wirtschaftsordnung. Aber er versteht Preise, Angebot und Nachfrage als Mittel, das Verhalten der Einzelnen zu beeinflussen und so gesellschaftliche Veränderungen herbeizuführen: Wer möchte, dass die Menschen weniger Auto fahren, muss den Spritpreis erhöhen. Diese Regulierung sieht er als Aufgabe des Staates, der gleichzeitig den Einzelnen gegen die Risiken der freien Marktwirtschaft sichert. „Solidarität gehört der Politik, nicht der Wirtschaft“, schreibt Habeck. Für ihn folgt daraus: „Die Institutionen des Staates anzunehmen und zu bejahen ist eine linke Haltung.“

Auch die nationale Komponente von Habecks Patriotismus ist nur scheinbar eine Zumutung für seine Parteifreunde. Habeck hält die deutsche Exportorientierung für falsch. Dadurch werde „die eigene, heimische Struktur geschwächt“. Diese Politik sei „unpatriotisch“. Habeck will dagegen die Binnennachfrage gestärkt sehen, fordert eine Umverteilung von Vermögen und mehr Investitionen in Bildung. Grünes Konsensprogramm also.

Als konservativen Gegenentwurf könnte man Volker Kronenbergs Patriotismus-Variante lesen. Der Bonner Politikwissenschaftler steht der Adenauer-Stiftung nahe. Sein Patriotismus ist, wie der des Bundespräsidenten, ein „Wertepatriotismus“. Einig wäre er sich sicherlich mit Habeck darin, dass Patriotismus dem Gemeinwohl dienen sollte. Doch Habeck verankert seine Variante in der Gegenwart, in einer Kosten-Nutzen-Rechnung. Kronenberg hingegen verankert die neue Vaterlandsliebe in der Geschichte. Grundlage ist eine Nation der gemeinsamen Werte und die Identifikation des Einzelnen mit der „patria“. Dementsprechend unterscheiden sich auch die Schlüsse, die Kronenberg und Habeck ziehen. Während Habeck letztlich ein Mehr an staatlicher Intervention ableitet, erhofft sich Kronenberg vom patriotischen Deutschen die Stärkung des unabhängigen bürgerschaftlichen Engagements, eine Verschlankung des staatlichen Handelns und eine „Neujustierung des Staat-Bürger-Verhältnisses“. Sein Patriot ist der Bürger, der Verantwortung für das Gemeinwesen empfindet und dem Staat daher mehr und mehr Verantwortung abnimmt.

Verena Schmitt-Roschmann stellt in ihrem Buch fest: „Heimat. Dort warten die deutschen Konservativen schon seit Jahren und begrüßen die reumütigen Neuankömmlinge nun mit einem genüsslichen: Siehste.“ Die Neuankömmlinge, das sind für sie in erster Linie die Linken. Man könnte ergänzen: die Stuttgarter, die Ostalgiker, die Jungen, die Integrationsvorbilder, die Mütter vom Prenzlauer Berg, die Anhänger der Fußballnationalmannschaft. Ob sie alle tatsächlich in ein und demselben Deutschland ankommen, dort, wo die Konservativen warten, ist fraglich.

Verena Schmitt-Rossmann: Heimat: Neuentdeckung eines verpönten Gefühls. Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2010. 208 Seiten, 19,95 Euro.

Robert Habeck: Patriotismus: Ein linkes Plädoyer. Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2010. 207 Seiten, 19,95 Euro.

Volker Kronenberg: Patriotismus 2.0. Gemeinwohl und Bürgersinn in der Bundesrepublik Deutschland. Olzog Verlag, München 2010. 207 Seiten, 1995 Euro

Autor

2 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben