Patti Smith in der Berliner Volksbühne : Jenseits von Ibiza

Erinnerung an Nico: Patti Smith und das Soundwalk Collective in der Volksbühne.

Volker Lüke
Freundinnen. Patti Smith sprach in der Volksbühne Verse ihrer verstorbenen Sängerkollegin Nico.
Freundinnen. Patti Smith sprach in der Volksbühne Verse ihrer verstorbenen Sängerkollegin Nico.Foto: Stephanie Pilick/dpa

Sie war ein erfolgreiches Topmodel, das mit 15 beim Bummeln auf dem Ku’damm entdeckt wurde und sich selbst in Fellinis „La Dolce Vita“ spielte. Sie war Andy Warhols Mondgöttin, die kühle Blonde mit der dunklen Stimme. Sie war das Super-Groupie, die Chanteuse von The Velvet Underground, Femme Fatale, Junkie, Dichterin und Gothic-Queen, an der sich nicht nur John Cale und Lou Reed geschnitten haben. Sie war schwarz wie die Nacht und so weiß wie sonst nur was. Sie war groß und schön und sie könnte heute noch leben. Dann wäre sie heute 76 Jahre alt und würde vielleicht mit Journalisten über ihre Affären mit Brian Jones, Jimi Hendrix oder Jim Morrisson plaudern. Stattdessen starb Nico, die 1938 in Köln als Christa Päffgen geboren wurde und es vorzog, ihr Leben lang ein Mysterium zu bleiben, einen der absurdesten Tode in der Geschichte der Rockmusik, als sie am 18. Juli 1988 an einem heißen Sommertag auf Ibiza mit knapp 50 einfach so vom Fahrrad fiel: Hirnschlag.

25 Jahre später besuchen Klangforscher die letzte Station von Nico, um auf Ibiza Aufnahmen zu machen, mit denen sie an ihren tragischen Tod am Straßenrand erinnern und zusammen mit Nicos Gedichten und ihrem charakteristischen Harmoniumsound einen musikalischen Gedenkstein für die Stilikone errichten wollen. „Killer Road“ heißt das ambitionierte Werk des Künstlertrios Soundwalk Collective aus New York, das seit mehr als zehn Jahren auf das akustische „Einfangen“ von bestimmten Orten spezialisiert ist und dabei schon Heidegger in die Urwälder Bessarabiens versetzt oder mit Schamanen im peruanischen Regenwald halluzinogene Klänge gesammelt hat. Bereits im Februar wurde das Stück bei der Club Transmediale im HAU vorgeführt.

Patti Smiths Tochter Jesse Paris Smith spielt auch mit

Bei der Live-Performance in der ausverkauften Volksbühne ist nun auch die leibhaftige Patti Smith dabei, die andere Sängerin und Rock-Poetin, die mit Nico nicht nur die Vorstellung vom Dichterleben in der Rockmusik teilt, sondern auch eine Freundin war, die ihr 1978 das geliebte Harmonium aus dem Pfandhaus zurückkaufte. Und natürlich ist sie die Attraktion des Abends, wenn sie dem Publikum mit ihrer tiefen, bluesgetränkten Flüsterstimme Nicos Gedichtzeilen in die Ohren reibt: „Killer Road is waiting for you like a finger in the night“.

Klein und drahtig steht sie auf der Bühne. Jeans, schwarzes Jackett, graues Wuschelhaar, Lesebrille, ungeschminkt, ganz in ihrem Entertainer-Element. Mit der gleichen Magie, mit der sie ihre Fans bei lautstarken Rockkonzerten begeistert, trägt sie nun Songtexte von Nico vor: „Purple Lips“, „My Only Child“, „I Will Be Seven“, „Saeta“ oder „My Heart Is Empty“. Daneben steht ihre Tochter Jesse Paris Smith, die große Klangschalen aus weißem Porzellan zum Klingen bringt und dazu auch Windspiele, ein Waterphone oder andere seltsame Instrumente bedient, während die drei Musiker des Soundwalk Collective mit Sampleelektronik, Analog-Synthesizer und einer Reihe von Effektgeräten Geräuschräume von tranceartigem Stillstand erzeugen.

Ein sorgfältig arrangiertes Wechselspiel abstrakter Klänge und konkreter Geräusche, das Patti Smiths charismatische Stimme mit dem gesampelten Atem eines Harmoniums und Meeresrauschen, Möwenschnattern, Zikadenbrummen, Blätterrascheln oder spanischen Stimmen collagiert, während im Hintergrund Bilder der Videokünstlerin Tina Frank über eine riesige Leinwand flimmern, die allerdings eher austauschbar wirken. Am besten schließt man die Augen und taucht ganz ein in den Sound und die Schattenwelt von Nico.

„Killer Road“ ist ein wunderbares Meditationswerk, dessen Aufführung eher an eine Séance als an ein Konzert erinnert und für gut 60 Minuten nochmals den Geist einer großen Künstlerin weckt, deren Lieder schon immer so geklungen haben, als würden sie aus einer tiefen Gruft emporsteigen.


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