Patti Smith wird 70 : Von der Anbetung zur Zauberkraft

Kunst der Hingabe: Der New Yorker Rockpoetin, Autorin und Malerin Patti Smith zum 70. Geburtstag.

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Die Jubilarin. Patti Smith. Foto: dpa
Die Jubilarin. Patti Smith.Foto: dpa

Was für ein Albtraum! Die Stimme stockt, strauchelt, verstummt. Als Patti Smith auf der Nobelpreis-Gala die zweite Strophe von Bob Dylans „A Hard Rain’s A-Gonna Fall“ im Stockholmer Konzerthaus abbricht, sieht es kurz nach einem Debakel aus. „Es tut mir leid, ich bin so nervös“, sagt die New Yorkerin  und setzt erneut an. Einmal wackelt sie noch, dann schwingt sie sich zu einer bewegenden Interpretation zu Ehren des abwesenden Literaturnobelpreisträgers auf. Im Nachhinein erscheint der Augenblick am Rande des Scheiterns magisch, als habe die Sängerin erst da die Kraft für die große Aufgabe gewonnen und sich den Song ganz zu eigen gemacht.

Patti Smith ist eine Meisterin der Anbetung und der Anverwandlung, die ihre eigenen Arbeiten inspirieren. Als Schülerin in New Jersey entdeckt sie ihre Liebe zu Rimbaud, den Beat-Poeten und Bob Dylan, dessen zweites Album ihr die Mutter schenkt. Ihr Lieblingslied: „A Hard Rain’s A-Gonna Fall“. Akribisch studiert sie seit jeher die Werke ihrer Idole und folgt ihren Spuren, mehr noch bei den Toten als bei den Lebenden. Eine riesige Polaroidfoto-Sammlung zeugt davon: Sylvia Plaths Grabstein, Roberto Bolaños Stuhl, Frida Kahlos Bett, die letzten Ruhestätten Rimbauds, Jean Genets, Heiner Müllers ...

"Just Kids" erzählt von den Anfängen in New York

Als Patti Smith 1967 nach New York kommt und mit ihrem Geliebten Robert Mapplethorpe zusammenzieht, suchen beide noch nach einer künstlerischen Ausdrucksform. Smith zeichnet zunächst, beginnt dann zu dichten. Es dauert, bis das Paar in der Szene von Manhattan ankommt. Smith hat diese entbehrungsreiche, aber leidenschaftliche Zeit in ihrem Buch „Just Kids“ wunderbar beschrieben. Als das Paar für eine Weile ins Chelsea Hotel zieht, entwickeln sich die Dinge. Schließlich Smith’ erster Auftritt 1971: eine Lyrik-Lesung in einer Kirche, bei der sie Lenny Kaye an der Gitarre begleitet. Diesen Job übt der hagere Mann bis heute aus. Am Sound ihres legendären ersten Albums „Horses“ von 1975 hat er entscheidenden Anteil. Die dort zelebrierte Verbindung von ruppigem Rock und fiebriger Poesie ist etwas Neues, Packendes.

Smith und ihre Band werden Teil der Punkszene rund um den Club CBGB’s, ihren größten Hit haben sie allerdings 1978 mit „Because The Night“, das Bruce Springsteen Smith schenkt. Zwei Jahre später heiratet sie den Musiker Fred „Sonic“ Smith und zieht zu ihm nach Detroit. Dass sie der Rockstarkarriere ein Leben als Hausfrau und Mutter zweier Kinder vorzieht, können viele Fans nicht verstehen. Dabei ist es nur eine weitere Facette ihrer großen Hingabefähigkeit. Die ihrem Geliebten gewidmeten Songs „Dancing Barefoot“ und „Frederick“ – zwei ihrer besten – zeugen ebenfalls davon. Ein musikalisches Lebenszeichen des Ehepaars ist 1988 das Album „Dream Of Life“ – inklusive der von Patti Smith noch immer gern live gespielten Kitschhymne „People Have The Power“.

In ihrem Buch „M Train“, das dieses Jahr auf Deutsch erschienen ist, wirft Smith einige Schlaglichter auf ihre große Liebe. Beschreibt frühe Verrücktheiten wie eine gemeinsame Reise nach Französisch- Guayana, wo sie – inspiriert von Genets „Tagebuch eines Diebes“ – Erde aus dem darin beschriebenen Gefängnisgelände einsammelt, um sie dem Autor zu bringen. Nach Fred „Sonic“ Smith’ Tod im November 1994 und dem Tod ihres Bruders Todd nur einen Monat später, muss Patti Smith die härteste Zeit ihres Lebens überstehen. Auch weil sie Geld braucht, wendet sie sich wieder der Musik zu. Bob Dylan nimmt sie mit auf eine Tournee, sie zieht wieder nach New York und bringt 1996 ihr Comeback-Album „Gone Again“ heraus, dessen Titelsong sie noch mit ihrem Mann geschrieben hatte.

Tradition, am Geburtstag ein Konzert zu geben

Mittlerweile dauert Patti Smith’ zweite Karriere schon fast doppelt so lang wie ihre erste. Sie nimmt seltener neue Alben auf, tourt aber regelmäßig, malt und schreibt. In „M Train“ vermittelt sie einen schönen Eindruck davon, wie ihr New Yorker Alltag in ihrem mit drei Katzen geteilten Haus voller Bücher und Erinnerungsstücke aussieht. Gegen Ende sinniert sie lakonisch-humorvoll über ihr Leben: „Wie konnten wir so verdammt alt werden?, sagte ich zu meinen Gelenken, meinem eisenfarbenen Haar. Jetzt bin ich älter als mein Liebster und meine verstorbenen Freunde. Vielleicht lebe ich so lange, dass die New York Public Library mir den Gehstock von Virginia Woolf überlassen muss. Ich würde ihn in Ehren halten, genau wie die Steine in ihrer Tasche. Aber ich würde auch weiterleben und mich weigern, meinen Stift abzugeben.“

Gelänge ihr das, könnte sie nicht nur in alle Ewigkeit weiterschreiben, sondern auch die Tradition fortsetzen, an ihrem Geburtstag ein Konzert zu geben. An diesem Freitag wird sie im Riviera Theatre ihrer Geburtstadt Chicago auf der Bühne stehen und die Fans mit ihren Liedern beschenken. Ihre Stimme ist heute tiefer, wärmer als einst. Und selbst wenn sie beim Singen mal stockt: Ihre Zauberkraft ist stark und golden.

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