PAUKEN & Trompeten : Altes Wien und neue Schläuche

Jörg Königsdorf

Es ist schon paradox, dass eines der erfolgreichsten Werke geistlicher Musik zugleich eines der eindrucksvollsten Beispiele für die Geschäftstüchtigkeit seines Schöpfers ist. Denn zumindest wenn es um das Allerheiligste geht, erwartet man, dass das profane Geldverdienen außen vor bleibt und nichts unser Wunschbild stört, dass die erbaulichen Töne reinen Herzens allein zur höheren Ehre Gottes geschrieben wurden. Doch Joseph Haydn sah das offenbar etwas anders: Um den Erfolg seiner „Sieben letzten Worte des Erlösers am Kreuz“ auszuschlachten, fertigte er von der originalen Orchesterfassung nicht nur eine Oratorienversion, sondern sozusagen als „Gedenken to go“ auch Fassungen für Streichquartett und Klavier solo an. Ein so großzügig aufgespannter Möglichkeitsraum verlockt natürlich zu Kombinationen: In der Königin-Luise-Kirche zu Waidmannslust kann man das Stück am Karfreitag beispielsweise in der Oratorienfassung mit Chor und Solisten, aber mit Streichquartett hören. Wer lieber wortfrei in Karfreitagsstimmung kommen möchte, hat parallel im Kammermusiksaal die Gelegenheit, wenn die Neue Philharmonie Hamburg unter Leitung von Tigran Mikaelyan Haydns Urversion bietet.

Ob dieser Pragmatismus typisch wienerisch ist? Jedenfalls erlaubt die Konzertliste dieser Woche die These, dass Wien nicht nur die Hauptstadt der Klassik, sondern auch die der Bearbeitungen ist: Das geht von Mozarts Bearbeitung von Adagio und Fuge in c-moll, die am Mittwoch im Kammermusiksaal auf dem Programm der Akademie für Alte Musik steht, bis zu Arnold Schönberg, der für seinen „Verein für musikalische Privataufführungen“ eine ganze Menge Bearbeitungen teils veranlasste, teils selbst verfasste. Zwei davon präsentiert das Linos-Ensemble am Dienstag im Konzerthaus: Die Kammerversion von Busonis „Berceuse heroique“ von Erwin Stein (der gleiche, der auch Mahlers vierte Sinfonie geschickt heruntergeschmolzen hat) und die Fassung von Max Regers „Romantischer Suite“ aus der Feder von Schönberg und seinem Schüler, dem Geiger Rudolf Kolisch.

Gerade den spätromantischen Werken, die im Orchestersound oft zu sehr in die Breite gehen, bekommt diese Schlankheitskur in der Regel gut – Schönberg wusste schließlich, bei welchen Werken weniger mehr sein kann. Das könnte auch für Rainer Riehns Bearbeitung der Mahlerschen „Kindertotenlieder“ gelten, die den Abend komplettiert. Riehns Arrangement des „Lieds von der Erde“ ist jedenfalls schon fast zum Repertoireklassiker geworden. Und das, obwohl der Mann nicht mal aus Wien kommt.

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