PAUKEN & Trompeten : Andere Saiten

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„Ich bemühte mich so sehr, doch du hast immer dich geändert, gingst auf neuen Wegen, und ich lief hinterher.“ Fast möchte man die Frau, die den armen Udo Jürgens einst hat abblitzen lassen, eine blöde Schnepfe schelten – da stellt sich heraus, dass er bloß von Musik gesprochen hat. Unergründlich sind die Mittel und Wege der Musik tatsächlich. Aus jeder Warteschleife tönen Mozart-Symphonien, und der wohl bekannteste Handy- Klingelton der Welt stammt von einem spanischen Komponisten: Es ist ein Walzer von Francisco Tárrega (1852–1909), den sich die Firma Nokia für ihre Mobiltelefone ausgesucht hat. Hätte Señor Tárrega doch etwas Interessanteres geschrieben, hätte man doch nur einen Superhit wie „Billy Jean“ oder „Stille Nacht“ genommen, vielleicht ginge es Nokia heute besser.

Jedenfalls bricht sich die Tonkunst in den nächsten Tagen auf besonders ungewöhnliche Weise Bahn. Zum einen treffen sich vom 6.–8. Oktober britische Musiker, um unter dem Titel „Not Just Cricket! Three Days of British Improvised Music in Berlin“ zu beweisen, dass es ihnen um nichts Geringeres als die „absolute Klangautonomie“ geht. Offenbar haben sich die Briten ihr Handwerk von Schallplatten abgehört, während es die amerikanischen Musiker – „zumindest jene, die in größeren Städten aufwuchsen – in Jam-Sessions, erweiterten Probensituationen und dergleichen gelernt haben.“ So zumindest schreibt der Schriftsteller und Jazz-Experte Brian Morton in seinem Willkommensgruß für die Besucher des Festivals. Gefilmt wird übrigens auch. Ein britisches Team plant eine Dokumentation über Geschichte und Gegenwart der frei improvisierten Musik in Großbritannien und fängt damit gleich bei den Auftritten im ehemaligen Haus Ungarn an. Keine schlechte Gelegenheit für Zuhörer, die sich beim Goutieren von etwas noch viel Lässigerem als Free Jazz abfilmen lassen wollen.

Zur Versuchsanordnung des Festivals gehört die immer neue Formierung der Musiker zu Duos, Trios, Quar-, Quin- und Oktetten. Während etwa am Freitag elf Impro-Briten zu freiem Spiel zusammenfinden werden, darunter Phil Minton, der sich mit seiner Stimme in die Arena wirft, tritt im Institut Français lazarusähnlich ein einzigartiges Instrument in die Welt.

Es ist die Gambe, die der Potsdamer Geigenbauer Tilman Muthesius in monatelanger Arbeit nach einem 250 Jahre alten Pariser Exponat von Benoit Fleury geschaffen hat, ein unerhört-ungehörtes Instrument. Sieht man auf die zahlreichen Goldauflagen dieser „Viola da gamba“, dürfte man sie „golden“ nennen. Hat man dagegen zufälligerweise noch den Film „Die siebente Saite“ im Sinn, mit Gérard Depardieu als Marin Marais, dessen Lehrer Sainte-Colombe der Gambe einst eine siebte Saite schenkte, fiele wohl als Erstes die achte Saite auf, die diesem Instrument oben angefügt ist und die unbedingt notwendig ist, um bestimmte Stücke von Jean Philippe Rameau zu spielen. Gar nicht so leicht allerdings, mit der goldenen, achtsaitigen Gambe umzugehen. Denn der Steg, auf dem die vielen Saiten liegen, kann nicht endlos gerundet werden, damit der Bogen immer nur je eine Saite fasst. Heidi Gröger wird das meistern. Zusammen mit Patrick Ayrton (Cembalo) und Lisa-Marie Landgraf (Violine) spielt sie Rameaus „Pieces de Clavecin en Concerts“.

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