PAUKEN & Trompeten : Aus der Nase gezogen

Jörg Königsdorf träumt von Rüsselsheim

Jörg Königsdorf

Das Timing stimmt jedenfalls perfekt: Justament wenn Simon Rattle und seine Berliner Philharmoniker am Samstag in der Philharmonie ihre neue Saison festlich mit Mahlers neunter Sinfonie eröffnen, findet nur wenige Schritte weiter eine Veranstaltung statt, die man durchaus als provokatives Gegenprogramm zum klassischen Hochkultur-Betrieb verstehen kann. Im Kulturforum Potsdamer Platz führt die erste Lange Nacht der Kontrastorchester vor, dass die herkömmlichen Musikinstrumente nur eine Möglichkeit unter vielen sind, um das quasi-sinfonische Erlebnis eines Zusammenklangs mehrerer Schallquellen herzustellen.

Im Rahmen der Langen Nacht der Museen treten hier acht Ensembles auf, die für sich die Bezeichnung Orchester in Anspruch nehmen, auch wenn das kleinste unter ihnen, das German Experimental Loop Orchestra, nur aus einem einzigen Ensemblemitglied besteht. Lokalmatadore und in gewissem Sinn auch Väter der akustischen Sezessionsbewegung sind die zwölf Mitglieder des Oberkreuzberger Nasenflötenorchesters, die sich schon seit über 15 Jahren in nasalen Harmonien üben und deren Alben „Kuschelrotz“ und „Stille Tage in Rüsselsheim“ längst Kultstatus genießen. Die Erkenntnis, dass sich letztlich jedes halbwegs kontrolliert wiederholbare Geräusch zur halbwegs gepflegten Musikerzeugung eignet, ist allerdings nicht unbedingt neu. Trotzdem hat die Veranstaltung als Kollektivspektakel allemal Raritätenwert.

Vor allem eignet sich die Sache natürlich, um alte, spießige Vorurteile über Bord zu werfen: Selbst die Rückkopplung, normalerweise das einsame Schlusslicht auf der Beliebtheitsskala der Klänge, wird vom Feedbackorchester in Musik verwandelt (durchschnittliche Lautstärke: 110 dezibel!), und die Leipziger Auto Symphoniker zeigen, dass selbst Zünden, Gas geben und Türenschlagen das Klangspektrum klassischer Musik auf hoch virtuose Weise erweitern können. Da fehlt eigentlich nur noch eine Handvoll forscher Senioren, die mit ihren übersteuerten Hörgeräten selbstbewusst Musik machen. Aber um das zu erleben, muss man wohl doch eher nach nebenan in die Philharmonie gehen.

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