PAUKEN & Trompeten : Berlin bei Garbsen

Jörg Königsdorf

Ein bisschen enttäuschend ist es schon: Da hielt man nach Fanmeile und „Staatsoper für alle“ Berlin für die Hauptstadt des Public Viewing. Und nun gibt es ausgerechnet die Saisoneröffnung der Berliner Philharmoniker nur in Hamburg, Köln und Dresden als Gratisspektakel zu erleben, weil der Veranstalter Berlin Partner damit Touristen anlocken möchte.

Die hiesigen Philharmoniker-Fans dagegen sind nicht besser dran als die Einwohner von Villingen-Schwenningen, Garbsen und Riesa. Wenn sie bei Sir Simon und den Seinen am Freitagabend live dabei sein wollen, müssen sie stolze 19 Euro berappen, um das (natürlich längst ausverkaufte) Konzert wenigstens im Kino zu erleben – im Falle Berlins im Cinestar am Potsdamer Platz. Was sich für eine vierköpfige Familie ja schon summiert, vom höheren Spaßfaktor der Open-Air-Riesenleinwand mal abgesehen. Oder sie bleiben gleich ganz zu Hause und kaufen sich für den halben Preis bei der Digital Concert Hall des Orchesters ein, die die Veranstaltung ebenfalls überträgt. Das gesparte Geld könnte man dann in eine Flasche Rotwein investieren, mit der sich der Frust über das entgangene Public Viewing elegant herunterspülen ließe.

Was vielleicht ohnehin die beste Alternative aus dem medial aufgefächerten Angebot ist. Denn man weiß nicht, ob man beispielsweise die Hamburger darum beneiden soll, Beethovens Vierte und Mahlers Erste auf dem Spielbudenplatz mitten auf der Reeperbahn hören zu dürfen. Denn so lobenswert es ist, dass hier statt Schlagern auch mal Klassik unters Volk gestreut wird – allzu viel wird bei der von Autolärm und alkoholgeschwängerten Gesängen dominierten Geräuschkulisse der Vergnügungsmeile wohl nicht von den Klassikern zu hören sein.

Das Konzert, mit dem die Philharmoniker zugleich ihren bis Ende 2011 angelegten Zyklus aller Mahler-Sinfonien eröffnen, ist übrigens eine gute Gelegenheit, endlich mal die Berliner Orchester in toto zu loben, denn der angesichts des Doppeljubiläums (150. Geburtstag, 100 Todestag) für diese Saison befürchtete Mahler-Overkill bleibt aus. Staatskapelle und DSO bieten jeweils nur eine einzige Mahler-Sinfonie, das mit seinem Wagner-Projekt vollauf beschäftigte RSB verzichtet ganz auf diesen Kernbereich des Repertoires. Es geht also auch ohne. Und das einzige Orchester, das den Philharmonikern Paroli bietet, tut das auf sehr sympathische Weise: Statt einfach mit einem eigenen Mahler-Zyklus gegen die Konkurrenz anzuklotzen, durchpflügen Lothar Zagrosek und sein Konzerthausorchester bei ihrem Eröffnungskonzert am Donnerstag den geistig-musikalischen Humus, auf dem Mahlers Werke gediehen. Von Wagner bis zu Johann Strauß reicht die Liste der Einflussgrößen, und mit dem später gestrichenen „Blumine“-Satz aus Mahlers Erster komplettieren Zagro und Co. gewissermaßen das Philharmoniker-Programm vom Tag drauf. Fehlt eigentlich nur noch ein Public Viewing auf dem Gendarmenmarkt. Vielleicht klappt es ja nächstes Jahr.

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