Pauken & Trompeten : Besuch bei der alten Dame

Jörg Königsdorf über eine kämpferische Cembalistin.

Jörg Königsdorf

Wenn es um die Musik Johann Sebastian Bachs ging, kannte Wanda Landowska offenbar keinen Spaß. „They play him their way, I play him his way“, beschied die Grande Dame des Cembalo einst spitzzüngig einem Interviewer, der sie um ihre Ansicht zu anderen berühmten Bachinterpreten bat. Ein vielsagendes Bonmot, das quasi in einer Nussschale ein ganzes Stück Musikgeschichte enthält. Denn was auf den ersten Blick wie bloße Ignoranz wirkt, dürfte eher die Nachwirkung der jahrelangen Anfeindungen und Spötteleien gewesen sein, denen sich Landowska ausgesetzt sah, als sie vor gut hundert Jahren als erste namhafte Interpretin wieder das Cembalo auf der Musikszene etablierte. Denn als Landowska mit ihrer Mission begann, wurde das Bachbild noch von romantischen Virtuosen wie Ferruccio Busoni beherrscht, gegen deren klangmächtiges Pathos der spillerige Cembaloton tatsächlich eine Revolution war. Auch wenn die junge Polin alsbald weltweit Triumphe feiern sollte, war ihr kecker Alleinvertretungsanspruch natürlich trotzdem fragwürdig, und gegen Ende ihres Lebens musste die Alte Dame noch erleben, dass junge Cembalisten wie Gustav Leonhardt und Ralph Kirkpatrick sich keinen Deut mehr um sie und ihre Aufnahmen scherten. Inzwischen ist der schwingungsreiche Klang von Landowskas nachgebauten Instrumenten ebenso historisch wie die Aufnahmen ihrer Kontrahenten. Ein Thema mithin für das Musikinstrumentenmuseum, das der Cembalistin jetzt aus Anlass ihres fünfzigsten Todestags eine Ausstellung gewidmet hat (bis 28. Februar 2010).

Etliche Dokumente aus dem Nachlass zeigen eine Künstlerin, die Kontakt zu Rilke und Tolstoi hatte, die zeitweise ein wildes Bohème-Leben in Berlin und Paris führte und sich auch nach der erzwungenen Emigration in die USA noch bis ins hohe Alter ihre Unbeugsamkeit bewahrte. Eine echte Revolutionärin eben.

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