PAUKEN & Trompeten : Bruder Bach

Jörg Königsdorf

Der Fluch der frühen Geburt verfolgt Wilhelm Friedemann Bach bis heute: Liefen ihm zu Lebzeiten seine jüngeren Brüder Carl Philipp und Johann Christian in der Publikumsgunst den Rang ab, sind es anno 2010 Mahler und Hugo Wolf, Schumann und Chopin, die eine angemessene Würdigung des ältesten Bach-Sohns verhindern. Denn wo schon so viele Komponisten-Jubiläen gefeiert werden, bleibt für den 200. Geburtstag Wilhelm Friedemanns nur noch wenig Platz – immerhin tröstlich, dass die Stadt Halle, an deren Marienkirche WFB fast zwanzig Jahre lang orgelte, das Jubiläum mit der Eröffnung eines Wilhelm-FriedemannHauses feiert. In Berlin, letzte Wirkungsstätte und Sterbeort des Komponisten, gibt es nicht einmal eine nach Wilhelm Friedemann benannte Straße – dafür aber eine, die nach dem Mann benannt ist, der den Ruf des Bach-Sohns gründlich ruiniert hat.

Emil Brachvogels 1858 veröffentlichter und fast hundert Jahre lang populärer Bestsellerroman „Friedemann Bach“ stempelte den Komponisten zum Hallodri und Versager ab, ein Bild, das 1941 durch den Ufa-Film mit Gustav Gründgens aufgefrischt wurde. Da wäre es ein Akt postumer Gerechtigkeit im umbenennungsfreudigen Berlin, die Kreuzberger Brachvogelstraße in Wilhelm-Friedemann- Straße umzutaufen. Vorderhand aber leisten die Sing-Akademie und die Lautten-Compagney mit einem Festival in der Elisabethkirche Aufklärungsarbeit. Vor dem Konzert am Himmelfahrtstag, das einen Querschnitt durch Kantaten, Kammermusik und Sinfonien präsentiert, sind der Dienstag und der Donnerstagnachmittag der Aufarbeitung von Schaffen und Nachwirkung gewidmet. Neben einem Gespräch über Wilhelm Friedemanns individuellen Umgang mit dem Generalbass steht am Dienstagabend auch der Friedemann-Mythos zur Diskussion. Da werden auch Ausschnitte aus dem Gründgens-Film gezeigt.

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