PAUKEN & Trompeten : Das längste Klavierkonzert

Jörg Königsdorf

So recht ist sich die Welt noch immer nicht einig geworden, ob Ferruccio Busoni ein großer oder nur ein interessanter Komponist ist. Zwar wurde er von der allgemeinen Aufbruchstimmung erfasst, die sich um 1900 in den Künsten verdichtete, zwar forderte und entwarf er nichts geringeres als eine „Neue Ästhetik der Tonkunst“ – doch halten seine eigenen Werke diesem Anspruch wirklich stand?

Das zu prüfen, ist Berlin besonders in der Pflicht: Den größten Teil seines Lebens verbrachte Busoni hier, stieg zum pianistischen Abgott des Kaiserreichs auf und schuf in seiner Wohnung am Victoria-Luise-Platz (an die eine Gedenktafel erinnert) seine wichtigsten Werke. Unter anderem auch sein Klavierkonzert, das in seinen monumentalen Dimensionen das Geltungsbedürfnis des Komponisten demonstriert: Mit etwa 75 Minuten Spieldauer dürfte das in der alten Philharmonie uraufgeführte Stück das längste Klavierkonzert der Geschichte sein und bemüht für die faustische Apotheose des Finales sogar noch einen Herrenchor. Besitzt das Werk tatsächlich das utopische Potenzial, von dem sein Komponist träumte, oder ist es am Ende nur ein wilhelminischer Schinken? Am Dienstagabend wird man in der Philharmonie schlauer sein, wenn der italienische Pianist und Busoni-Enthusiast Pietro Massa und die Neubrandenburger Philharmonie unter Stefan Malzew das Opus über die Runden gebracht haben.

Wem dieser Abend sein Busoni-Urerlebnis beschert, der hat tags drauf im Kleinen Saal des Konzerthauses Gelegenheit, seinen Enthusiasmus zu vertiefen: Im Rahmen des Jubiläumskonzerts, bei dem das vor 200 Jahren gegründete Leipziger Gewandhaus-Quartett ausschließlich von dem Ensemble uraufgeführte Werke spielt, steht neben Werken von Beethoven und Mendelssohn auch Busonis zweites Streichquartett auf dem Programm.

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