PAUKEN & Trompeten : Der Mutter-Effekt

Jörg Königsdorf

Schuld ist natürlich die Mutter. Wäre die damals nicht so adrett mit dem alten Karajan über die Fernsehbildschirme geflimmert, hätte es das deutsche Geigerinnenwunder vermutlich nie gegeben. Quasi über Nacht wurde die 13-Jährige zu einem Vorbild für eine von den Maximen antiautoritärer Erziehung verunsicherte Generation und zeigte durch ihr unverkrampftes Auftreten mehr noch als durch ihr Spiel, dass Fleiß und Selbstdisziplin aus Kindern durchaus keine unglücklichen Menschen machen müssen.

Und mehr noch: In zahllosen Kleinmädchenherzen weckten Mutters umjubelte Auftritte den Wunsch, selbst an dieser Stelle zu stehen. Ein paar davon haben es tatsächlich geschafft – Carolin Widmann, Arabella Steinbacher, Julia Fischer und Isabelle Faust sind nur die bekanntesten Namen einer langen Liste von Geigerinnen, die direkt oder mittelbar Folge des Mutter-Effekts sind und Deutschlands Geigenkönigin inzwischen international erfolgreich Konkurrenz machen.

Die 25-jährige Fischer, seit 2006 als Deutschlands jüngste Professorin an der Frankfurter Musikhochschule, ist inzwischen sogar bei der gleichen Plattenfirma gelandet wie Frau Mutter. Gerade hat sie ihre erste CD mit Bach-Konzerten bei der Deutschen Grammophon herausgebracht, und damit sich die auch verkauft, spielt sie die Konzerte in a-Moll und E-Dur auch bei ihrem Auftritt mit der Academy of St Martin in the Fields am Donnerstag im Konzerthaus.

Die künstlerisch gewichtigste Mutter-Alternative ist allerdings immer noch Isabelle Faust – auch weil die 36-Jährige ihre Karriere nie übereilt hat, sondern langsam in das Format für die großen Klassiker hineingewachsen ist. Fausts vor zwei Jahren erschienene Aufnahme des Beethoven-Konzerts etwa zählt zu den besten überhaupt, und man darf sich schon auf ihre im Laufe des Jahres erscheinende Gesamtaufnahme der Beethoven-Violinsonaten freuen.

Isabelle Faust wird den ganzen Zyklus übrigens im April 2010 auch im Radialsystem spielen. Das Debüt der Professorin an der Universität der Künste bei den Berliner Philharmonikern war mithin überfällig, von Donnerstag bis Samstag findet es nun endlich statt. Auf dem Programm steht Schumanns heikles spätes Violinkonzert.

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