Pauken & Trompeten : Der Teufel in der Kirche

Nun hat es der Teufel sogar in die Kirche geschafft: Ausgerechnet an einem der höchsten Feiertage der Christenheit, dem Pfingstmontag, bekommt Mephisto in der Gedächtniskirche seinen großen Auftritt und darf in Fritz Murnaus "Faust"-Film den trübsinnigen Doktor auf die schiefe Bahn bringen.

Jörg Königsdorf

Zwar geht die Sache bei Murnau am Ende eindeutiger zu Ungunsten des altbösen Feindes aus als bei Goethe, aber fromme Cineasten dürfte die Veranstaltung dennoch in eine moralische Konfliktsituation bringen: Sollen sie nun hoffen, dass Wolfgang Seifen, der den Film mit einer Orgelimprovisation begleitet, für die satanischen Einflüsterungen besonders verführerische Melodien einfallen? Oder sollten sie nicht eher dafür beten, dass ihm im Angesicht des Teufels nur erbauliche Lieder wie „Ein’ feste Burg“ in den Sinn kommen? Dass die Kirche Seifen gestattet hat, zur Eröffnung seines internationalen Festivals für Orgelimprovisation Mephisto mitzubringen, liegt einerseits daran, dass der UdK-Professor seine Glaubensstärke durch zahlreiche gottgefällige Werke wie etwa seine Messe „Tu es Petrus“ zum 80. Papstgeburtstag bewiesen hat, andererseits aber auch an einem gewachsenen Vertrauensverhältnis. Denn Seifens viertägiges Orgelfestival in der Gedächtniskirche geht dieses Jahr bereits in die fünfte Runde – beruhigend, dass sich neben den Großveranstaltungen der Opernhäuser und Orchester auch solche eher nischenorientierten Veranstaltungen in der Stadt behaupten können.

Aus der faustischen Eröffnungsveranstaltung lässt sich allerdings auch ein Problembewusstsein herauslesen: Zwar ist die improvisierende Orgelbegleitung des Gottesdienstes Kernkompetenz jedes Kirchenorganisten, doch die Fangemeinde, die bereit ist, sich auf einen ganzen Abend Orgelimprovisation einzulassen, dürfte selbst in Berlin übersichtlich sein. Das Publikum mit einem Stummfilm, der ja ursprünglich mit mehr oder weniger improvisierter Begleitung konzipiert war, zu locken ist da eine gute Idee. Auch die drei Organisten, die Seifen diesmal eingeladen hat, werden in den Dienst der guten Sache gespannt: Sowohl der Franzose Philippe Lefebvre, Titularorganist an Notre-Dame (Dienstag) wie auch der Niederländer Jos van der Kooy (Mittwoch) und der Deutsche Ansgar Wallenhorst (Donnerstag) geben am Tag ihrer Konzerte von zehn bis zwölf Uhr mittags auf der Orgelempore der Gedächtniskirche kleine Workshops, in denen sie ihre Improvisationstechniken erklären.

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