PAUKEN & Trompeten : Die Entdeckung der Langsamkeit

Jörg Königsdorf

Wenn Sie diese Kolumne lesen, ist Markus Groh vermutlich schon seit einigen Stunden unterwegs. Und man kann nur hoffen, dass der Postillion der Kutsche, in der Groh seit einigen Tagen durchs Brandenburger Land zuckelt, seine Pferde tüchtig antreibt, damit der Pianist und sein Instrument auch rechtzeitig in Mitte anlangen, wo sie heute Abend erwartet werden. Denn dort, in der Mendelssohn-Remise (Jägerstraße 51, 20 Uhr), soll das letzte Konzert der wohl ungewöhnlichsten Tournee des Jahres stattfinden: Als Experiment am eigenen Leib hatte Groh sich aufgemacht, unter den Bedingungen eines reisenden Virtuosen der Chopin-Zeit zu konzertieren. Mit einem Nachbau eines Hammerklaviers, des ersten Steinway-Kitchen-Pianos von 1837, im Gepäck zog er in mehreren Etappen per Kutsche über Land, gab Konzerte in Gutshöfen und Kirchen und ließ während dieser Zeit sogar sein Handy zu Hause. Ziel des Projekts ist natürlich, die Frage zu beantworten, ob man Schumann und Chopin wirklich anders spielt, wenn man sich im Alltagstempo ihrer Zeit bewegt und beispielsweise eine Landschaft nicht durchs Autofenster, sondern entschleunigt auf dem Kutschbock an sich vorbeiziehen lässt. Mit anderen Worten: Ob die Kunst einen Gegensatz zur Realität aufbaut oder diese spiegelt.

Für viele dürfte allerdings schon allein der Klang von Grohs Instrument eine neue Hörerfahrung sein. Denn Schumann und Chopin auf dem Hammerklavier sind immer noch eine Besonderheit, auch wenn die polnische Chopin-Gesellschaft gerade im Zuge des Chopin-Jubiläums eine hoch interessante Gesamteinspielung auf historischen Instrumenten vorgelegt hat. Und erst langsam beginnen sich Pianisten vom Kaliber Grohs, der zu den erfolgreichsten deutschen Tastenkünstlern gehört, ernsthaft mit dem Vorfahr des Konzertflügels auseinanderzusetzen.

Wenn man so will, belebt auch das Konzert am Dienstagabend im Chamäleon-Varieté (Hackesche Höfe, 20 Uhr) eine Tradition wieder, die zu Zeiten Chopins noch gang und gäbe war: den Virtuosenwettstreit. Beim MingBattle sorgt schon die Inszenierung für die aufgeheizte Atmosphäre, die so ein Kräftemessen braucht. Die beiden Kombattanten, die abwechselnd kurze Klavierwerke (darunter auch Improvisationen oder eigene Stücke) spielen, sitzen die ganze Zeit über im Boxring, und neben der dreiköpfigen Jury darf auch das Publikum über den Sieger mitentscheiden. In diesem Jahr hat das erstmals 2006 in Berlin ausgetragene Duell eine besondere Note, stehen sich doch mit Catalin Serban und dem Ming-Champion Sorin Creciun zwei Absolventen der beiden Berliner Musikhochschulen gegenüber. Man darf vorsichtig vermuten, dass entschleunigtes Klavierspiel wohl nicht die Strategie sein wird, mit der man hier das Publikum für sich gewinnt. Und das war wohl auch anno 1837 nicht anders.

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