PAUKEN & Trompeten : Die Tücken der Mücken

Jörg Königsdorf kann Freiluftkonzerte derzeit nur eingeschränkt empfehlen

Jörg Königsdorf

Nun hat der Klimawandel auch die Open-Air-Saison erfasst: War bislang der Regen die größte Sorge der Veranstalter, ist in diesem Jahr ein noch schlimmerer Feind auf den Plan getreten: die Mücken, die sich bei den Brutkastentemperaturen der letzten Woche wie wild vermehrt haben und bei Opern und Konzerten unter freiem Himmel zur Plage werden. Rheinsberg zum Beispiel: So nett die Idee einer musikalischen Wanderung durch den Schlosspark „Auf der Suche nach dem Liebestrank“ auch sein mag – die einzigen, die bei dieser Tour etwas zu trinken finden, werden wohl die fiesen Blutsauger sein, die zu Abertausenden am Seeufer lauern und vom Scheinwerferlicht genauso magisch angezogen werden wie die jungen Künstler, die bei dieser Produktion ab Freitag auf der Bühne stehen. Hoffentlich hat Intendant Siegfried Matthus wenigstens daran gedacht, dem Ensemble und dem Jugend-Sinfonieorchester Brandenburg unter Leitung von Leo Siberski eine Kiste Autan zu spendieren.

Zimperliche Klassikfreunde, die schon um den Schlaf gebracht werden, wenn sie nachts im Schlafzimmer ein durstiges Sirren hören, halten sich besser an Konzerte in geschlossenen Räumen. Im Konzerthangar des alten Militärflughafens Groß Dölln, wo der Pianist Markus Groh derzeit wieder sein Bebersee-Festival veranstaltet, dürfte man vor unerwünschten Flugobjekten jedenfalls weitgehend sicher sein. Dass das Kammermusikfest in der Schorfheide zu einem Fixpunkt der brandenburgischen Kulturszene geworden ist, liegt allerdings nicht nur am pittoresken Ort, sondern vor allem daran, dass im Programm die individuelle Handschrift von Groh und seinem Koorganisator Claudio Bohórquez spürbar ist. Und die beiden schrecken nicht davor zurück, ihr Publikum auch zu fordern: Etwa am Freitag, wenn das Blockflötenquartett New Generation QMG Werke von Bach mit neuer, für das Quartett selbst geschriebener Musik konfrontiert. Oder am Samstag, wenn junge Komponisten aus Deutschland, Griechenland, Polen und der Türkei die musikalischen Ergebnisse ihrer Auseinandersetzung mit dem Thema „Wohin! Wo ist mein Ort?“ präsentieren. Für die echte romantische Künstlerseele lautet die Antwort natürlich: Nirgendwo! Und deshalb ist der Festivalabschluss am Sonntag mit Schuberts „Winterreise“, interpretiert von Groh und dem Bariton Sebastian Noack, auch nur konsequent.

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