PAUKEN & Trompeten : Diven brauchen Devotionalien

Jörg Königsdorf freut sich über den Trend zum Klassik-Merchandising.

Jörg Königsdorf

Wann ist ein Klassik-Interpret ein echter Star? Wenn er über eine Million CDs verkauft hat? Wenn er in „Wetten, dass …“ auftritt? Alles Kappes, ein Sänger, Geiger oder Dirigent ist erst dann populär, wenn es von ihm Devotionalien gibt. Kaffeebecher, Einkaufstaschen und vor allem Textilien mit seinem Konterfei, Schriftzug oder Logo, mit denen die echten Fans sich öffentlich zu ihrem Idol bekennen können. Dass es kaum einen Klassik-Star gibt, der sich auf diese Weise verehren lässt, liegt allerdings auch daran, dass den meisten von ihnen wenig daran zu liegen scheint. Die Operndiven beispielsweise pflegen lieber ihr exklusives Festspielpublikum und legen entweder eigene Parfümserien auf (Renée Fleming) oder werben für Juwelen und sündhaft teure Uhren (Bartoli und Netrebko). Lediglich in Lateinamerika haben die Klassikgrößen offenbar ein lockereres Verhältnis zur Volkstümlichkeit.

Von Rolando Villazón gibt es nicht nur eine T-Shirt-Kollektion – für das himmelblaue Kinderleibchen „Rigoletto“ hat der tenorale Hobby-Karikaturist sogar eine eigene Zeichnung als Motiv beigesteuert. Zu Gustavo Dudamel passt der T-Shirt-Status allerdings noch besser: Die Konzerte des venezolanischen Shootingstars mit seinem Simon-Bolivar-Jugendorchester lösen im Zugabenteil regelmäßig ein, was die Aufschrift der (natürlich in allen venezolanischen Landesfarben erhältlichen) Dudamel-Fanshirts verspricht: Fiesta! Beim Waldbühnenkonzert im letzten Sommer ließen sich auch die Philharmoniker von der klassischen Partystimmung anstecken, die der charismatische Lockenkopf am Pult ausstrahlt. Wie viel er davon bei einem russischen Programm mit Werken von Rachmaninow, Strawinsky und Prokofjew reaktivieren kann, wird sich ab Donnerstag in der Philharmonie zeigen. Ein paar bunte T-Shirts im Publikum würden da sicher animierend wirken.

Wenn es mit der Karriere von Andris Nelsons weiter so steil bergauf geht, prangt vielleicht auch sein Porträt bald auf den verschwitzten Oberkörpern seiner Fans. Die großen Orchester reißen sich derzeit um den jungen Letten, der seit Herbst als Chef beim Sinfonieorchester von Birmingham amtiert – dem Posten, von dem aus auch Rattle einst die Klassikwelt eroberte. Auch die Deutsche Oper versuchte im letzten Jahr schon, den Hoffnungsträger dauerhaft an sich zu binden. Daraus wurde zwar nichts, aber dafür pflegt das Rundfunk-Sinfonieorchester seit einigen Jahren den guten Kontakt zu Nelsons. Am Sonnabend ist es wieder einmal Zeit, die Beziehung aufzufrischen. Im Konzerthaus stemmt der 31-Jährige Mahlers erste Sinfonie und das erste Cellokonzert des Tschechen Bohuslav Martinu mit der Hanns-Eisler-Absolventin Sol Gabetta als Solistin.

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