PAUKEN & Trompeten : Ein Chor mit Löwenherz

Jörg Königsdorf macht der Queen einen Vorschlag

Jörg Königsdorf

Ob eigentlich schon jemand der Queen nahegelegt hat, Simon Halsey zum Sir zu machen? Verdient hätte der Chefdirigent des Rundfunkchores die Erhebung in den Adelsstand allemal, denn während der andere (längst geadelte) Britberliner, Simon Rattle, so seine Probleme hat, die Philharmoniker zum Modellorchester des 21. Jahrhunderts umzugestalten, hat Halsey sein Ensemble parallel zum Modellchor für das neue Säkulum gemacht.

War der Rundfunkchor unter Halseys Vorgänger Robin Gritton noch ein ehrwürdiges, der Klassikerpflege geweihtes Gesangskollektiv, sind die 64 Sänger und Sängerinnen inzwischen eine Art Kompetenzteam, das die Idee des gemeinsamen Singens in allen Bevölkerungsgruppen zu reanimieren versucht. Ob spezielle Angebote für Führungskräfte, Mitsingkonzerte für abertausende Laien oder auch spektakuläre Projekte wie im letzten Jahr John Taverners spirituelle „All night vigil“ im Hamburger Bahnhof – der Einfallsreichtum von Halsey und seinen Mitstreitern scheint unerschöpflich. Am Freitag präsentieren die Sänger zusammen mit 500 Schülern im Kammermusiksaal ihre jüngsten Arbeitsergebnisse: Unter dem Motto Die vier Elemente erschallt eine Werkauswahl, die von Hugo Wolf bis Michael Jackson reicht.

Zum Modellchor der Zukunft gehört natürlich auch, dass seine Mitglieder nicht nur im Plenum, sondern auch in der Kleingruppe und solistisch Musik machen. Das fördert nicht nur die Motivation, sondern zahlt sich auch künstlerisch vor allem bei moderner, stärker solistisch aufgesplitteter Musik aus – wie etwa bei Christian Josts 2006 vom Rundfunkchor uraufgeführter Choroper „Angst“. In der vierten Folge des zu diesem Zweck eingerichteten Kammermusikpodiums wagt sich Rundfunkchorist Wilfried Staufenbiel heute Nachmittag in die entferntesten Regionen der abendländischen Musikkultur vor: In seiner tour d’horizon des mittelalterlichen Minnesangs stehen Werke von Walther von der Vogelweide, Oswald von Wolkenstein und dem englischen König Richard Löwenherz auf dem Programm.

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