Pauken & Trompeten : Ein deutscher Keiser

Müsste man eine hervorstechende Eigenschaft nennen, die die deutsche Barockmusik von der Frankreichs und Italiens unterscheidet, wäre es sicher die Naivität ihrer Texte. Jörg Königsdorf über Operntexte, die zu Herzen gehen

Jörg Königsdorf

Müsste man eine hervorstechende Eigenschaft nennen, die die deutsche Barockmusik von der Frankreichs und Italiens unterscheidet, wäre es sicher die Naivität ihrer Texte. Egal ob in Passionen und Kantaten oder in der barocken Oper, immer ist es die Direktheit und bizarre Bildhaftigkeit der Redewendungen, die die Musik quasi vom Sockel der Repräsentation zu holen scheint und ihr einen eigentümlich treuherzigen Ton verleiht. Wenn den Helden in den Opern Telemanns und Reinhard Keisers unter viel Weh und Ach das Herze schwer ist, möchte man sie glatt in den Arm nehmen und trösten, während die tragischen Heroinen französischer Opern einen trotz oft noch schwererer Schicksale durch ihre dramatische Pose eher auf Distanz halten.

Bis diese Humanität der deutschen Barockoper nicht als Makel empfunden, sondern als Qualität geschätzt wurde, hat es freilich lange gedauert, und öfter als sporadisch gibt es selbst die wichtigsten Opern Keisers und Telemanns immer noch nicht zu hören. An der Staatsoper ist jedenfalls nicht mehr viel vom Entdeckergeist der Quander-Ära übrig, wo diese Komponisten – mit Riesenerfolg übrigens – auf dem Spielplan standen. René Jacobs, Berlins Barockopernmann vom Dienst, hat zwar noch einige spannende Raritäten in petto, macht aber jetzt erst mal Händel (wenigstens die bitterböse „Agrippina“), und was im Schillertheater wird, weiß ja eh keiner.

Bedauerlicher noch ist allerdings, dass auch die freien Operntruppen Berlins derzeit kein Interesse für dieses Repertoire zeigen: Dabei sind Stücke wie Telemanns „Emma und Eginhard“ (um eines der wichtigsten zu nennen), nicht nur musikalisch eingängig und szenisch abwechslungsreich, sondern auch mit relativ wenig Aufwand auf die Bühne zu bringen. Sei’s drum. In der Zwischenzeit sorgt die Akademie für Alte Musik, die sich immer wieder für diese Musik eingesetzt hat (etwa mit ihrer CD „Ouvertüren für die Hamburger Oper“, die sogar in den US-Klassikcharts landete) dafür, dass Keiser und Co. nicht wieder in Vergessenheit geraten.

Mit Claudius’, „Jodelet“ und dem ehedem an der Lindenoper wiederentdeckten „Croesus“ stehen am Mittwoch Arien aus gleich drei Keiser-Opern auf dem Programm des Konzerts im Kammermusiksaal der Philharmonie, das der Blütezeit der Hamburger Gänsemarktoper gewidmet ist. Und wenn einem bei der Solistin Sandrine Piau das Herze schmilzt, kann es sogar sein, dass das nicht nur an den treuherzigen Texten liegt.

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