PAUKEN & Trompeten : Grand ohne vier

Eine Klassikkolumne über Kammermusikbesetzungen

Jörg Königsdorf

Jede Erfolgsgeschichte hat ihre Schattenseiten – selbst die des Streichquartetts. So durchschlagend war der Erfolg der Kombination aus zwei Geigen, einer Bratsche und einem Cello, dass sie innerhalb weniger Jahrzehnte alle anderen Möglichkeiten kammermusikalischer Streicherbesetzungen an den Rand des Repertoires drückte. Was eigentlich stutzig machen müsste. Denn während das um die gleiche Zeit entstandene Sinfonieorchester im Laufe der letzten zwei Jahrhunderte immer größer werden musste, um das Ausdrucksbedürfnis der Komponisten zu befriedigen, blieb das Streichquartett als zentrale Form der Kammermusik eigentlich bis heute ohne ernsthafte Konkurrenz. Schränkt sich das Spektrum der Ausdrucksmöglichkeiten wirklich so radikal ein, wenn ein Komponist nur drei Streichinstrumente zur Verfügung hat? Und sind fünf einfach einer zu viel? Oder haben am Ende nur die professionellen Quartett-Ensembles immer wieder neue Werke bestellt und so die Dominanz dieser Besetzung ausgebaut?

Dabei müsste allein schon aus ökonomischen Gründen die Trio-Besetzung im Vorteil sein: Schließlich bekommt man für das private Musizieren (für das diese Werke ja ursprünglich gedacht waren), leichter drei Musiker zusammen als vier. Bedarf war also offensichtlich vorhanden. Noch zur Zeit der Wiener Klassiker war das Rennen offen, wie sich etwa an dem Programm absehen lässt, mit dem das Ensemble Musica Antiqua Roma heute bei den Potsdamer Musikfestspielen im Schlosstheater des Neuen Palais einen Einblick in diese Epoche privater Musikkultur gibt (leider ausverkauft).

Mozart selbst komponierte neben seinen Quartetten auch (viel zu selten gespielte) Streichquintette und schuf mit seinem späten Es-Dur-Divertimento für Streichtrio ein Werk, das viele Musiker sogar noch über die Quartette stellen. Mit über vierzig Minuten Spieldauer zeigt das Stück zudem, dass eben auch die Dreierkombination abendfüllendes Potenzial besitzt. Bei dem außerordentlich hochkarätig besetzten Trio-Abend, den Frank-Peter Zimmermann, Antoine Tamestit und Christian Polterá am Donnerstag im Kleinen Saal des Konzerthauses geben, ist das Stück natürlich die Krönung des Programms. Doch zwei der drei Streichtrios Opus 9 erinnern daran, das auch der junge Beethoven offenbar mit drei Instrumenten zufrieden war.

Der nahezu einzige Komponist, der sich in seiner kammermusikalischen Wahlfreiheit nicht beirren ließ, scheint Johannes Brahms gewesen zu sein. Brahms komponierte zwar kein Streichtrio, aber seinen drei Quartetten stehen immerhin zwei Streichquintette und zwei Streichsextette gegenüber, von anderen Formationen mit Klavierbeteiligung ganz zu schweigen. Im Berlin waren die Spectrum Concerts immer wieder der Ort, wo man solche ungewöhnlicheren Besetzungen mit erstklassigen Interpreten hören konnte – Streichquartette spielten dagegen bei Spectrum nie eine Rolle. Auch am Mittwoch im Kammermusiksaal wird sozusagen wieder Grand ohne vier gespielt: Neben Brahms’ erstem Sextett und dem späten Quintett Opus 111 das wohl wichtigste Streichtrio des 20. Jahrhunderts, Arnold Schönbergs beklemmendes, 1945 entstandenes Werk.

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