PAUKEN & Trompeten : Halt dich ran, Alban!

Jörg Königsdorf

Es hätte Alban Gerhardt sicher niemand verübelt, wenn er bei seinem letzten Berliner Auftritt Werbung in eigener Sache gemacht hätte. Denn die Bach-Zugabe, die er im Juni bei Ingo Metzmachers Abschiedskonzert mit dem DSO spielte, war zugleich ein Appetithappen für seine Darbietung der sechs Solosuiten am kommenden Samstag. Ein Hinweis wie „Übrigens spiele ich den ganzen Zyklus am 24. Juli im Radialsystem“ wäre bei dieser Gelegenheit sicher auf fruchtbaren Boden gefallen und hätte etlichen Philharmonie-Besuchern den Anstoß gegeben, sich endlich mal in den neuen Kulturtempel am Ostbahnhof zu wagen.

Nun, Gerhardt hielt sich zurück – gut besucht dürfte sein Solo mit Sechs auch so werden. Denn der 41-Jährige ist einer der ganz wenigen Berliner Musiker, die sich auch in ihrer Mutterstadt durchsetzen konnten. Das liegt sicher auch daran, dass er als Typ aus der Schar redlicher Saitenstreicher heraussticht: Gerhardt geht zu Hertha und fährt Vespa, redet, wie ihm der Schnabel gewachsen ist und scheut sich nicht, das Spiel von Kollegen zu kritisieren. Das tut er dann aber so nett und leidenschaftlich, dass man ihm nicht böse sein kann. Natürlich hat er sich auch für das Radialsystem etwas Besonderes ausgedacht – dort hat man sich schließlich neuen Darreichungsformen des Klassikkonzerts auf die Fahnen geschrieben.

In „wechselnden Settings“ wird Gerhardt Bachs Werke präsentieren: Zwischen den Stücken wird er seine Position im Raum wechseln und sein Publikum zu verschiedenen Lichtstimmungen mal von rechts, mal von links und mal aus der Tiefe des Raumes beschallen. Bach in 3-D gewissermaßen. Wer lieber den Sommerabend an der Spree genießen will – das Konzert wird live auf die Terrasse des Radialsystems übertragen.

Erstaunlich eigentlich, dass Gerhardt die Bach-Suiten noch nicht auf CD eingespielt hat: Schließlich vergeht kaum ein Monat, in dem nicht irgendeine Neuaufnahme entweder der Cello-Suiten oder der Sonaten und Partiten für Solovioline erscheint. Geiger wie Cellisten scheinen ihre Ansichten zu den beiden Sechser-Zyklen so früh wie möglich für die Ewigkeit festhalten zu wollen. Was meistens zu langweiligen Ergebnissen führt – wenn nicht ein Ausnahmegeiger wie der 25-jährige Sergej Khachatryan am Start ist, der gerade die jüngste Aufnahme (naive) vorgelegt hat: Unbeleckt von historisierender Tüftelei, ja geradezu altmodisch entwickelt der Armenier Bach aus dem Klang seiner Stradivari heraus, so hinreißend schön, sinnlich und ausdrucksvoll, dass beispielsweise die kürzlich erschienene Aufnahme Isabelle Fausts (harmonia mundi) dagegen reichlich blutleer wirkt – obwohl die Berliner Professorin sicher die reifere, klügere Geigerin ist. Vielleicht sollte man sich mit seiner Bach-Aufnahme doch nicht zu viel Zeit lassen. Also halt dich ran, Alban!

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