PAUKEN & Trompeten : Harry Potters Dämmerung

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Große Unterschiede bestehen eigentlich nicht zwischen „Harry Potter“ und Wagners „Ring des Nibelungen“. Zwar lernt die Leserschaft der „Potter“-Romane ungefähr viermal so viele Figuren kennen wie das Publikum des „Ring“, zwar dauert es länger, mehrere tausend Seiten zu lesen als viermal in der Oper zu übernachten. Damit wären die Unterschiede zwischen „Harry Potter“ und dem „Ring“ aber auch schon abgehakt. Gemeinsamkeiten gibt es schließlich viel mehr: die große Anlage, die Komplexität der Handlungsstränge, das Para-Universum.

Vor allem aber ging es Joanne K. Rowling und Richard Wagner beim Schöpfen offenbar ganz ähnlich. Seit 1990 hatte sich Rowling mit der Idee getragen, eine siebenteilige Buchreihe über einen jungen Zauberer zu veröffentlichen. 17 Jahre später, zu Geld und Ruhm gekommen, hielt sie das Ende ihrer Arbeit an den Romanen auf einer Marmorbüste in einem Edinburgher Hotelzimmer fest: „JK Rowling finished writing Harry Potter and the Deathly Hallows in this room (625) on 11th Jan 2007“. Nicht anders Richard Wagner: Anfang der 1850er Jahre entstand die gesamte Konzeption für die Ringdichtung, rund 20 Jahre später notierte Wagner, zu dieser Zeit längst in Bayreuth, auf der letzten Partiturseite der „Götterdämmerung“: „Vollendet in Wahnfried am 21. November 1874. Ich sage nichts weiter!! R.W.“

Was hätte er auch sagen können? Wie die zurückliegende Arbeit beurteilen, die Folgen überblicken, die Rezeption im „Dritten Reich“, das Entstehen einer ganz eigenen Anhängerschaft, das Aufkommen des Kommentarwesens, die zahlreichen Bearbeitungen? Zum Beispiel Stefan Kaminskis Ring als „dreidimensionales Live-Hörspiel nach Richard Wagner“ für Stimme, Schlagzeug, Glasharfe und Gartenschlauch in der Neuköllner Oper (26., 28., 29. und 30. Juli). Harry-Potter-Fans, die rasch zum Ziel kommen und keine Arbeit mit dem Lesen haben möchten, werden auf Entsprechendes noch lange warten müssen. In der Zwischenzeit können sie sich mit einer Figur vertraut machen, die Richard Wagner in etwa so verehrte wie Hauself Dobby seinen Harry – Hugo Wolf nämlich, der schon in jungen Jahren als geradezu fanatischer Wagner-Stalker auffiel. Seine Chancen als Nach-Wagner-Komponist schätzte er entsprechend bescheiden ein: „Er hat mir keinen Raum gelassen, gleich einem mächtigen Baum, der mit seinem Schatten das unter seinen weithinragenden Ästen aufsprießende Jungholz erstickt.“

Dennoch: Das später in Wolfs Leben entstandene „Italienische Liederbuch“, zu dem Schmuckstücke wie „Auch kleine Dinge können uns entzücken“ und scharf auskomponierte Wutausbrüche wie „Verschling’ der Abgrund meines Liebsten Hütte“ zählen, ist weder ganz wagnerianisch noch ein bisschen dobbyesk, sondern Wolf durch und durch, komplexe Liedkunst des späten 19. Jahrhunderts, präsentiert in den Uferhallen Wedding am 28. Juli.

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