PAUKEN & Trompeten : Ich lasse dich nicht

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Aha, Sie planen also ein Blind Date zu Silvester oder am Neujahrstag. Was für ein Konzert nehmen wir denn da, mal überlegen. Es darf nicht zu leichtgewichtig sein, man will schließlich nicht für ein Dummchen oder einen Hallodri gehalten werden. Andererseits darf es nicht zu anspruchsvoll werden, immerhin stellt so ein Blind Date gegebenenfalls die Weichen bis zur Silberhochzeit, und die Aussicht, in Zukunft alle paar Wochen in ein sehr ernstes Konzert gebeten zu werden, ist nicht für jedermann anziehend.

Was also tun? Die Abende mit den Philharmonikern sind seit Wochen ausverkauft. Das Wiener Neujahrskonzert kommt auch nicht infrage, man müsste zu weit reisen und noch vor dem ersten Treffen die Ü-Frage (nach der Übernachtung) stellen. Gar nicht ins Konzert gehen geht auch nicht, weil Silvester und Neujahr zu jenen Tagen gehören, an denen man sich in der Öffentlichkeit und bei einem einigermaßen repräsentativen Ereignis zu zeigen hat, weil sonst der Eindruck entstehen könnte, dass man eine unattraktive couch potato ist.

Ah, da haben wir es auch schon: Bach. Wie konnten wir das übersehen! Der zweimal glücklich Verheiratete. Der überkonfessionell Kompatible. Der Komponist von Musiken zu Erfolgsfilmen wie „Das Schweigen der Lämmer“, „Ziemlich beste Freunde“ oder „Shame“. Der Inden-Weltraum-Geschickte, der VielfachBearbeitete und Niemals-Zerstörbare, der tiefe, ewige, einzige Johann Sebastian Bach – genau der Richtige für ein erstes Zusammentreffen in festlicher Atmosphäre. Und das gleich zweimal hintereinander: Am frühen Silvesterabend musiziert das Leipziger Amarcord-Ensemble gemeinsam mit der Lautten Compagney unter Wolfgang Katschner Motetten von Bach. Umstandslos wird sich die darin besungene Gottes- und Christusliebe, all das bald choralartig Anmutende, bald heiter Springende – „Weicht, ihr Trauergeister“, „Fürchte dich nicht“ und „Ich lasse dich nicht“ – auf die Süßigkeit eines neuen Lebens beziehen lassen.

Der Konzertabend am Neujahrstag in der Philharmonie verspricht ähnlich Verheißungsvolles. Dort präsentieren der Rias-Kammerchor unter Hans-Christoph Rademann und die Akademie für Alte Musik zunächst eine Magnificat- und eine „Heilig, heilig ist Gott“-Vertonung des Bach-Sohns Carl Philipp Emanuel und wenden sich dann dem großen Magnificat D-Dur von Vater Bach zu – das besonders gute Bedingungen für die Zuhörer bietet, Sinn und Sinnlichkeit unter Beweis zu stellen. Nicht nur laden die vielen einkomponierten rhetorischen Figuren immer wieder dazu ein, wissende Blicke zu tauschen, auch kann man sich an der Überfülle in musikalischem Satz, Chorklang und orchestralem Timbre berauschen.

Wer danach weiter Unterstützung braucht bzw. zu Hause keine Briefmarkensammlung hat, dem hilft die Bach-Forschung weiter. Unter bach-digital.de kann man gemeinsam das wunderbare Autograf des Magnificat betrachten.

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