PAUKEN & Trompeten : Im Pyjama in die Philharmonie

Jörg Königsdorf hadert mit der Berliner Kleiderordnung

Jörg Königsdorf

Die Idee hat Ingo Metzmacher aus den Vereinigten Staaten mitgebracht: Mit casual concerts möchte der neue Chef des Deutschen Symphonieorchesters einen neuen Akzent in der Berliner Konzertszene setzen. Endlich Klassik ohne die zwanghaften Rituale des Stillsitzenmüssens, unbeschränktes Recht auf freie Platzwahl in der Philharmonie, endlich Beethoven und Brahms ohne Kleiderordnung! Alles ist erlaubt heute Abend beim ersten der drei Casual Concerts mit Leonard Bernsteins Sinfonie „The Age of Anxiety“, das ganz leger eine halbe Stunde später beginnt als üblich. Noch neugieriger als auf die Musik darf man allerdings darauf sein, wie weit die in Bekleidungsfragen ohnehin ziemlich freizügigen Berliner Metzmachers Angebot ausnutzen. Eine Pyjama-Fraktion in Karajans heiligen Hallen zum Beispiel wäre eine nette Idee: das bequemste Outfit, wenn man während des Konzerts einnicken sollte.

Was Metzmacher umtreibt, ist natürlich die Sorge um die Zukunft der klassischen Musik und das dringende Gefühl, das sich die Darreichungsform, das traditionelle Konzert, ändern muss. Ein Bewusstsein, das der DSO-Chef mit etlichen Kulturschaffenden dieser Stadt teilt: Das Radialsystem hat sich seit einem Jahr explizit der Aufgabe verschrieben, neue Konzertformen zu entwickeln, die Philharmoniker starten in dieser Saison mit kostenlosen Lunchkonzerten, Lothar Zagrosek und das Konzerthausorchester haben sich mit ihrem in drei Wochen startenden halb szenischen GluckZyklus „die Erfindung einer neuen Aufführungsform“ vorgenommen.

Auch das Berliner Ensemble Oriol experimentiert am Donnerstag mit szenischen Elementen: Für Händels Kantate „Apollo e Dafne“ hat Andrea Marcon sich Hilfe beim Hausregisseur des Gorki-Theaters, Jan Bosse, geholt. Zugegeben: Einem statischen Stück wie einer Händel-Kantate kann ein bisschen Leben nur guttun. Solange es nicht zu casual zugeht.

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