PAUKEN & Trompeten : In der Höhle des Löwen

Jörg Königsdorf

Lange wurden sie eher belächelt, doch in den letzten Jahren sind die Sinfonieorchester aus Fernost ernst zu nehmende Mitspieler auf dem globalen Klassikmarkt geworden. Während die Zahl der Orchester in Deutschland kontinuierlich sinkt, wetteifern die aufstrebenden Industrienationen Asiens um die besten Musiker und bauen eine großartige Konzerthalle nach der anderen. Deutlichstes Indiz für das gewachsene Selbstbewusstsein der Fernost-Orchester ist natürlich, dass sie sich jetzt auch in die Heimat der Klassik trauen und ihre Spielkultur in den großen Konzertsälen Europas vorführen.

Erst vor ein paar Monaten konnte man im Konzerthaus hören, was für ein fabelhaftes Ensemble Myun-Whun Chung aus den Seouler Philharmonikern geformt hat, und auch die Sinfoniker aus Singapur sind unter ihrem jungen, charismatischen Chef Lan Shui zum Aushängeschild des Stadtstaates geworden. Gerade hat das Orchester eine DVD mit Mahlers zehnter Sinfonie auf den Markt gebracht, die in puncto Spielkultur mit Berliner Orchestern mithalten kann. Am Dienstag nun kann man sich live vom homogenen Streichersound Singapurer Prägung überzeugen: Bei ihrem Gastspiel in der Philharmonie spielen die Musiker nicht nur Debussys „La mer“ (eine nahe liegende Wahl für ein Orchester aus einer Hafenstadt), sondern auch Rachmaninows „Toteninsel“ und Tschaikowskys unverwüstliche Rokoko-Variationen (Solist: Jan Vogler). Und beim nächsten Mal bringen sie hoffentlich mehr als ein Anstandshäppchen Neue Musik aus ihrer Heimat mit. Denn auch das gehört zu einer Klassiknation.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben