PAUKEN & Trompeten : Kick für die Karriere

Jörg Königsdorf

Wohl jeder, der irgendwo auf der Welt Klavier studiert, träumt davon, einmal ganz oben auf dem Siegertreppchen zu stehen. Einmal einen der großen Wettbewerbe gewinnen – dann wird die Karriere schon in Schwung kommen. So kalkulieren die meisten angehenden Pianisten und beginnen, sich gegen Ende ihres Studiums langsam von den kleineren zu den größeren Stationen vorzurobben. Noch vor dreißig Jahren war es ja auch wirklich so, dass eine Auszeichnung bei den Klavierwettbewerben von Leeds oder Brüssel eine Garantie für regelmäßige Auftritte in den Konzertsälen der Welt bedeutete.

Aber heute? Selbst die hartgesottensten Klavierfans hätten inzwischen Mühe, sich an die letzten Sieger dieser Wettbewerbe zu erinnern. Wer etwa mag den letzten Tschaikowsky-Wettbewerb in Moskau gewonnen haben, der immerhin einst Stars wie Vladimir Ashkenazy und Van Cliburn hervorbrachte? Tatsache ist, dass der pianistische Wettstreit als Qualitätskriterium offenbar nicht mehr funktioniert. Im Gegenteil: Es scheint mittlerweile sogar so weit zu sein, dass der Gewinn eines Wettbewerbs eher ein Anzeichen für Langweilertum ist. Dass ein Pianist etwas zu sagen hat, glaubt das Publikum inzwischen nicht mehr aufgrund von Bestnoten, sondern aufgrund persönlicher Ausstrahlung oder biografischer Kuriosa.

Das ist natürlich ungerecht. Denn auch wenn das Gekungel der Jurys immer wieder dafür sorgt, dass künstlerische Nullnummern prämiert werden, gibt es doch Ausnahmen. Etwa den Schweizer Cédric Pescia, der 2002 die Gina-BachauerPiano-Competition gewann, einen der bedeutenden Wettbewerbe in den USA. Mit Bachs Goldberg-Variationen, die er anschließend auch auf seiner Debüt-CD einspielte, die zu den schönsten Aufnahmen des Werks gehört. Dass der Wahlberliner und Ex-Student der Universität der Künste tatsächlich etwas Eigenes zu sagen hat, zeigt auch seine neue Aufnahme bei dem kleinen Schweizer Label Claves. Bei Beethovens letzten drei Klaviersonaten versucht er gar nicht erst, die großen Klaviertitanen zu imitieren, sondern spielt die Stücke unverkrampft, so wie er sie eben versteht: lyrisch, mit singendem Ton und weichen Farben.

Im Rahmen von Young Euro Classic gibt es am heutigen Sonntag um 16 Uhr Gelegenheit, Cédric Pescia zu hören – und nicht nur ihn, sondern auch noch fünf andere junge Gewinnertypen, die alle schon größere oder kleinere Erfolge in ihrer Biografie verzeichnen können: Den US-Koreaner Ben Kim beispielsweise, der 2006 den ersten Preis beim ARD-Wettbewerb in München gewann. Oder die Japanerin Mizuka Kano, die letztes Jahr beim Schumann-Wettbewerb in Zwickau triumphierte. Zu zwei Konzertrunden von je drei Pianisten, eine um 16 Uhr, die andere um 20 Uhr, jeweils im kleinen Saal des Konzerthauses am Gendarmenmarkt, hat das sommerliche Nachwuchsfestival die Auftritte gebündelt – Bedingungen, die fast schon wieder an einen Wettbewerb erinnern. Einen „Laufsteg in die Zukunft“ verheißt der Titel dieser neuen Young-Euro-Classic-Initiative. Wollen wir’s hoffen.

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