PAUKEN & Trompeten : Kuss am Fluss

Jörg Königsdorf

Der plötzliche Tod Jan Diesselhorsts vor einem Monat war ein Schock für die Berliner Konzertszene. Nicht allein für die Berliner Philharmoniker, denen der Cellist seit über dreißig Jahren angehört hatte, sondern auch für das Philharmonia Quartett, das Diesselhorst 1985 zusammen mit drei Orchesterkollegen gegründet hatte. Ob es mit dem Quartett überhaupt weitergehen wird, steht derzeit in den Sternen: Nach fast einem Vierteljahrhundert Zusammenspiel wäre es für die drei Übriggebliebenen wohl ebenso schwer, sich an jemanden Neues zu gewöhnen wie für jeden Nachfolger, gegen den Schatten seines Vorgängers anzuspielen. Eigentlich hatte das Quartett am Mittwoch sein Schumann-Programm präsentieren wollen, mit dem anschließend auch eine Tournee geplant war. Die beim kleinen Label Thorofon erscheinende CD mit Streichquartetten Schumanns ist zum Requiem für Diesselhorst geworden.

Aus musikalischer Perspektive ist es natürlich wünschenswert, dass die Philharmonia-Musiker weitermachen. Vielleicht wird das Konzert des Kuss-Quartetts, das im Kammermusiksaal einspringt, zum ermutigenden Signal: Schließlich haben auch die Kuss-Musiker im vergangenen Jahr einen Wechsel am Cello verkraften müssen und mit dem Armenier Michayel Hakhnazaryan zu einer neuen Harmonie gefunden. Am Mittwoch stellen sie das nicht nur mit Werken von Mendelssohn und Smetana unter Beweis: Neun Quartettsätze des Neutöners Harrison Birtwistle stoßen auf Arrangements englischer Renaissance-Madrigale – ein Programm, das auch in die Kult-Reihe „Kuss plus“ passen könnte, die das Quartett im Kreuzberger Szeneclub Watergate veranstaltet.

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