PAUKEN & Trompeten : London Calling

Jörg Königsdorf entdeckt Migranten im Nebel

Jörg Königsdorf

Friedrich der Große hätte vermutlich erstaunt die Augenbrauen hochgezogen, wenn er geahnt hätte, dass die Musikfestspiele seiner Residenzstadt dermaleinst unter dem Motto „Musica Britannica“ stattfinden würden. Zu Lebzeiten des flötespielenden Monarchen spielte Music made in Britain in Europa schlicht keine Rolle, und Friedrich, der schon mit deutschen Komponisten seine Schwierigkeiten hatte, wäre gewiss nicht in der Lage gewesen, den Namen auch nur eines englischen Tonsetzers zu nennen. Zwischen dem Tod Henry Purcells 1695 und ersten Erfolgen Edward Elgars Ende des 19. Jahrhunderts brachte England keinen bedeutenden Komponisten hervor. Fatalerweise genau die Zeit, die man mit der Blüte Potsdams verbindet.

In EU-Zeiten ist das kein Problem mehr: Dass das britische Empire seine muskalischen Genies importierte, gilt nun sogar als frühes Beispiel für die segensreichen Wirkungen paneuropäischer Freizügigkeit bei der Arbeitsplatzwahl. Händel und Konsorten, die ihr Auskommen im prosperierenden London fanden, waren ihrer Zeit einfach 300 Jahre voraus. Bis zum 24. Juni bieten die Musikfestspiele neben originär britischer Musik von der Renaissance bis ins 20. Jahrhundert auch viele Werke, die im Zuge von Gastarbeitsverhältnissen entstanden oder von Einwanderern wie dem Deutschen John Frederik Lampe, dem Verfasser der Comedy-Oper „The dragon of Wantley“ stammen (Premiere im Schlosstheater am 20.6.). Mit Händels „Messiah“, dem berühmtesten Folgeprodukt dieser Migration, beginnen die Potsdamer Musikfestspiele am Freitag in der Friedenskirche. Die Kombination einer deutschen Kirche mit englischen Solisten und einem niederländischen Ensemble unterstreicht den nationenübergreifenden Charakter des Unternehmens.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben