PAUKEN & Trompeten : Mach mal leiser

Jörg Königsdorf

Staatskapelle auf dem Bebelplatz, Philharmoniker in der Waldbühne – mit großem Tschingderassabum markieren Berlins Orchester derzeit das Ende der Konzertsaison. Lauter war Klassik nie und gerade deshalb sei an dieser Stelle für das Gegenteil plädiert: für leise Musik. Für Werke und Instrumente, die am unteren Ende der Phonskala wie der öffentlichen Aufmerksamkeit herumkrebsen. Denn trotz aller hehren Ideale ist auch die Geschichte der klassischen Musik voller darwinistischer Ausleseprozesse. Die Gambe wurde irgendwann vom wendigeren Cello verdrängt, das Clavichord hatte mit seinem empfindsamen Gezirpe keine Chance gegen die akustisch aufgemotzten Tastenrivalen, von solchen ätherischen Exoten wie der Glasharfe ganz zu schweigen. Ein einziges Crescendo, dem auch die subtile Kunst des 1687 geborenen Sylvius Leopold Weiss zum Opfer fiel. Der schlesische Komponist ist noch immer ein Fall für Kenner, und man bekommt nur selten die Gelegenheit, eine seiner etwa hundert wunderbaren Lautensuiten zu hören.

Dass Weiss hin und wieder in Konzertprogrammen auftaucht, liegt vor allem an den Gitarristen, die sich die Werke gekapert haben und Weiss sozusagen zum Bach der Gitarre gemacht haben – ein Vergleich, der auch deshalb nahe liegt, weil sich die beiden Komponisten gekannt und geschätzt haben. Einem Gitarristen ist denn auch das Weiss-Plädoyer zu danken, das am Samstag im Radialsystem stattfindet. „An Sylvius“ hat Marc Sinan seine Hommage mit Werken von Weiss, Bach und deren Zeitgenossen betitelt, und weil der Geehrte nicht nur als Komponist, sondern auch für seine Improvisationen bekannt war, eifert ihm Sinan auch in dieser Hinsicht nach. Wer dabei auf den Geschmack kommt, dem sei die CD „Ars melancholiae“ des Spaniers José Miguel Moreno empfohlen, der eine schöne Auswahl von Weiss-Stücken auf der Barocklaute eingespielt hat.

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