PAUKEN & Trompeten : Metaphern, Metamorphosen

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Es kann nicht immer alles nach Plan laufen, das Außergewöhnliche geschieht schließlich auch nicht auf glattem, gewöhnlichem Wege (Goethe, ausnahmsweise) – und weil das so ist, kommen wir heute zu einem Ranking der ungewöhnlichsten Veranstaltungen in der nächsten Woche, wie immer auf dem Felde der klassischen Musik.

Rang 3 besetzt ein Beitrag zum Wagner-Jahr. Das ist noch nichts Besonderes, wenn man bedenkt, dass im Moment alles um Wagner kreist und neben ihm die übrigen Ein- und Zweihunderter geradezu verschwinden, zum Beispiel Lutoslawski, Leibowitz, Bresgen, Britten oder Verdi – außerdem sind Franz Kullak und Felix Draeseke nun auch schon seit hundert Jahren tot, Arcangelo Corelli sogar schon seit 300 Jahren. Immerhin geht es bei der Wagner-Veranstaltung nicht um die gängigen Genres Vortrag, Opernaufführung oder Collage Schrägstrich Kolportage, sondern um den 1913 entstandenen Stummfilm „Richard Wagner“ von Carl Froelich und William Wauer. Er wird am Freitagabend im Kulturstall am Britzer Schloss unter Live-Begleitung durch Violine (Gunthard Stephan) und Klavier (Tobias Rank) vorgeführt.

Platz 2 belegt ein Vortrag, der im Rahmen der Ballettuniversität stattfindet und bei dessen Thema man abwechselnd an Mozarts Veilchen denken muss und an die flüsternden Blumen bei Heine, die sich für ihre törichte Schwester entschuldigen. Kurz, der Tanzwissenschaftler Eike Wittrock spricht am Dienstagabend über Berliner Blumenballette von Paul Taglioni und Max Terpis. Taglioni war ein aus Wien gebürtiger Abkömmling einer italienischen Tänzerdynastie, dessen „Thea oder Die Blumenfee“ 1860 in Berlin auf die Bühne kam, Terpis ein später ebenfalls in Berlin tätiger Tänzer und Choreograph, dessen zunächst als Werbefilm für einen Pflanzendünger gedachter Tanz-Stummfilm „Das Blumenwunder“ 1926 Premiere feierte.

Und nun der erste Platz: Denn historisch am weitesten zurück, zugleich am deutlichsten in die Gefilde des Wunderbaren, greift eine Veranstaltung aus, die sich den Metamorphosen des römischen Dichters Ovid zuwendet. Entstanden in den ersten Jahren unserer Zeitrechnung, sind die „Metamorphosen“ Erklärungserzählungen für auffällige Phänomene, etwa für die starke Färbung der reifen Früchte des Maulbeerbaumes oder für die Tatsache, dass Rebhühner nicht sehr hoch und elegant fliegen. Dass die musikalische Welt sich der Ovidschen Dichtung vielfach angenommen hat, liegt nahe – zu bedeutend sind diese Geschichten, zu viele Kunstschaffende (Dichter, Porzellanmaler, Teppichknüpfer) haben sich in den vergangenen 2000 Jahren von ihnen inspirieren lassen. Und zu nah vor allem ist die Verwandtschaft der Metamorphose zur Metapher, die für die Musik eine unverzichtbare Denk- und Wissensfigur darstellt. Jedenfalls wird am späten Donnerstagabend die Staatsoper im Schillertheater für die Veranstaltung „Schlaflos in Charlottenburg“ aufgesperrt. Der Schauspieler Cornelius Obonya, Cristina Gómez (Oboe), Knut Zimmermann (Violine), Anna Maria Fitzenreiter (Harfe) und Julien Salemkour am Klavier bieten im „Gläsernen Foyer“ Ovids Texte dar und Kompositionen von Karol Szymanowski, Désiré-Emile Inghelbrecht, Camille Saint-Saëns. Und, immerhin, Musik eines der diesjährigen Jubilare: In seinem „Mittsommernachtstraum“ präsentiert Benjamin Britten eine der lebendigsten Ovid-Adaptionen überhaupt.

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