PAUKEN & Trompeten : Mit Engelszungen

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Einen Knabenchor zu dirigieren ist ungefähr so schwierig wie einen Sack Flöhe zu hüten. Verschwitzt vom Fußball oder Skateboardfahren kommen die Jungs in die Probe, zu nichts als Quatsch aufgelegt, sie wollen ihre Basecaps nicht abnehmen, sie reden mit dem Nachbarn, sie zeigen einander heimlich die neuesten Apps auf dem Handy und kommen viel zu früh in den Stimmbruch. Und sollen dennoch singen wie die Engel.

Legendär die Bemühungen von Karl-Friedrich Beringer, der seit nunmehr fast 35 Jahren die Windsbacher Knaben leitet und in einigen Monaten seinen Abschied nehmen wird. Beringers manchmal zum Groben neigende Art in den Proben führte zwar vor einigen Jahren zu heftigen Diskussionen, doch wurde im selben Atemzug stets auch sein Genie beim Feinschliff der Knabenstimmen benannt. Wie die Engel klingen die Windsbacher tatsächlich, nicht von dieser Welt, zugleich hell und schnittig, wo es darauf ankommt. Die arbeitslebenslange Bindung Beringers an sein Ensemble hat hier offenbar eine große Rolle gespielt.

Was das angeht, müssten die berühmten Posener Nachtigallen singen wie die Cherubime. Denn um einiges länger noch als Beringer mit den Windsbachern hat der polnische Chorleiter und Komponist Stefan Stuligrosz mit seinen Nachtigallen gearbeitet, die an diesem Sonntag um 20 Uhr im Berliner Dom im Rahmen der Reihe „Sommerklänge!“ Werke deutscher und polnischer Komponisten interpretieren. 1920 in Posen geboren, fing Stuligrosz früh an mit dem Chordirigieren, und zwar auf Geheiß von Kaplan Waclaw Gieburowski, der den Posener Kathedralchor geleitet hatte und von den Nazis verhaftet worden war. 1939 gründete Stuligrosz den später „Posener Nachtigallen“ getauften Chor und blieb ihm bis auf den heutigen Tag als Leiter treu. Maciej Wieloch als zweiter Dirigent übernimmt das Ensemble nur von Zeit zu Zeit, besonders bei Auslandsauftritten.

Zweitausend kleine Sänger hat Stuligrosz in den sechseinhalb Jahrzehnten seines Wirkens durch den Chor geschleust, die Posener Nachtigallen haben Dutzende Platten aufgenommen, hunderte Radio- und Fernsehauftritte absolviert und bei zwei Filmen mitgemacht, sie haben vor John F. Kennedy gesungen und natürlich vor dem Papst. Inzwischen ist Stuligrosz so alt, dass er im Sitzen dirigiert. Seiner Begeisterung für die Arbeit tut das keinen Abbruch. Erst 2008 wurde ihm der Titel „Meister der polnischen Sprache“ verliehen, für die Förderung korrekten Sprachgebrauchs bei Kindern und Jugendlichen und für seine Kunst, über Musik und musikalische Gestaltung zu sprechen.

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