PAUKEN & Trompeten : Mittelmaß oder Meisterwerk

Jörg Königsdorf

An dem Irrglauben, dass wir heute klüger als unsere Vorfahren seien, hat die Musikgeschichte einen nicht zu unterschätzenden Anteil. Denn von fast jedem Meisterwerk heißt es doch, dass erst spätere Generationen seinen wahren Wert erkannt hätten. Spätestens seit der Wiederentdeckung von Bachs Matthäus-Passion durch Felix Mendelssohn anno 1829 hat sich dieser Topos festgesetzt und ist sozusagen fester Bestandteil für den Kanonisierungsprozess neuer Meisterwerks-Aspiranten. In den meisten Fällen wird die Rezeptionsgeschichte dazu zwar etwas zurechtgefönt, aber manchmal braucht die Musikwelt eben doch ein Vierteljahrhundert, bis sie ihren Irrtum korrigiert.

Die Aufführung der Matthäus-Passion von Ernst Pepping vor zwei Jahren durch den Berliner Rundfunkchor war so ein Fall: Während der 1981 verstorbene Pepping bis dahin höchstens als Autor spröder Orgelmusik bekannt war, brachte die Aufführung seiner Passion ihm eine Aufwertung zum Meisterwerkskomponisten ein. Wohl auch, weil Hans-Werner Kroesinger mit seiner konzentrierten szenischen Visualisierung des Stücks im Radialsystem das Bewusstsein dafür schärfte, dass hier ein Komponist aufgrund seiner Erfahrungen von Krieg und Diktatur die Geschichte auf eine sehr persönliche, emotional unmittelbar zugängliche Weise erzählt hatte. Denn auch wenn der Rundfunkchor inzwischen eine international preisgekrönte Aufnahme der Pepping-Passion (bei coviello) eingespielt hat, bleibt das Live-Erlebnis konkurrenzlos. Von Freitag bis Sonntag nimmt der Rundfunkchor seine Erfolgsproduktion wieder für drei Aufführungen im Radialsystem auf. Und wenn wir schon einmal die Chance haben, uns klüger zu fühlen als unsere Großeltern, sollten wir sie ruhig nutzen.

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